Douglas Dare "Milkteeth"

Der englische Songschmied Douglas Dare meldet sich Anfang 2020 mit seinem dritten Studioalbum zurück: Als betörend schlichtes, bewusst minimalistisches Werk, erscheint Milkteeth am 21. Februar 2020 bei Erased Tapes. Der von Mike Lindsay (Gründungsmitglied von Tunng und eine Hälfte des Duos LUMP mit Laura Marling) produzierte Longplayer entstand in nur 12 Tagen in dessen Studio in Margate: Ein Rahmen, in dem Douglas Dare so befreit und selbstbewusst wie nie zuvor klingt, wenn er den Blick auf die eigene Kindheit und Jugend richtet und deren Licht- und Schattenseiten erforscht. Bekannt für seinen zutiefst persönlichen Ansatz als Sänger und Songwriter, in dem bedingungslose Offenheit und sein Gespür für eleganten Minimalismus ineinandergreifen, gilt der Brite längst als eine der aufrichtigsten und aufregendsten Stimmen des 21. Jahrhunderts.  

Aufgewachsen ist Douglas Dare auf einem Bauernhof. Als jüngstes Mitglied einer Großfamilie, verbrachte er viel Zeit in seiner eigenen Welt, tanzte am liebsten im pinkfarbenen Ballettanzug seiner Mutter durchs Haus. „Erst jetzt fühle ich mich frei genug, dieses innere Kind wieder rauszulassen und erlaube es mir, mich zu verkleiden“, sagt Dare über das Cover von Milkteeth, auf dem er, dezent geschminkt und in weiße Tücher gehüllt, als griechische Muse posiert. „Ich hatte nie das Gefühl, wirklich reinzupassen. Ich war einfach anders, ein Sonderling. Ich wollte nun mal tanzen und singen und mich verkleiden – womit man auf so einem kleinen Bauernhof in der Gegend um Dorset echt auffällt.“

Während viele seiner bisherigen Lieder am Klavier entstanden sind, beschäftigte sich Dare für Milkteeth mit einem ganz neuen Instrument: Der Autoharp, einer Art Kastenzither. Kaum hatte er sich damit hingesetzt, sprudelten neue Songideen regelrecht aus ihm heraus – der Albumvorbote „Silly Games“ entstand beispielsweise in weniger als einer Stunde. „Auslöser waren instinktive Gefühle... über die Kindheit und die damit verbundene Unschuld“, berichtet er. „Und mit der Autoharp hat dann einfach alles plötzlich zusammengepasst: Ich konnte mit einem Mal das ganze Album vor mir sehen.“

Milkteeth beginnt mit „I Am Free“, bei dem Klavier- und Gesangsloops einander umgarnen und umkreisen, während Dare die so grenzenlos wirkende Freiheit aus Kindertagen mit dem Gefühl zu fliegen gleichsetzt. „The Playground“, so Dare, habe er schon seit Jahren schreiben wollen: Hier verhandelt er seine Sehnsucht nach jener Unschuld und Unbedarftheit der ersten Lebensphase. Während „Red Arrows“ von Verletzlichkeit und dem Wunsch nach elterlicher Geborgenheit erzählt, hat die Ballade „The Joy In Sarah’s Eyes“ fast etwas Jeff Buckley-artiges an sich – jedoch weitergedacht für die nächste Generation. Der gemächlich-düstere Einschlag von „Heavenly Bodies“ ist eher als Verweis auf Leonard Cohens Songwriting zu sehen; zudem ist es das erste Mal, dass Dare auf einem seiner Alben Gitarre spielt. Die auf Milkteeth versammelten Melodien sind dabei allesamt bewusst schlicht gehalten: Sie sollten gleich beim ersten Anhören vertraut wirken. Zwischen die genannten Lieder platziert der Brite drei Instrumentalstücke – „The Piano Room“, „The Stairwell“ und „The Window“ –, benannt nach den Orten, an denen sie entstanden sind: Kurze, wortlose Momente der Stille und Einkehr.

Seit er im Jahr 2014 sein gefeiertes Debütalbum Whelm vorgelegt hat, worauf er 2016 das sehr viel düstere Album Aforger folgen ließ, hat die Musik von Douglas Dare immer höhere Wellen geschlagen und immer mehr Menschen in ihren Bann gezogen. 2017 wurde er gebeten, eine eigene Interpretation von „Dance Me to the End of Love“ zur Leonard Cohen-Ausstellung A Crack In Everything beizusteuern, die nach der Eröffnung im Contemporary Art Museum von Montreal aktuell im Jewish Museum in New York zu sehen ist; ab September 2020 zieht die Ausstellung weiter ins Contemporary Jewish Museum von San Francisco. 2018 wurde er daraufhin von Robert Smith zu dessen Meltdown Festival im Londoner Southbank Centre eingeladen, und 2019 holte ihn David Lynch in seiner Funktion als Kurator zum Manchester International Festival, wo er sich die Bühne mit Anna Calvi teilte.

Douglas Dares Musik verhandelt die großen, universellen Themen – Liebe, Verlust, Kindheit –, indem er den Blick auf die eigene Erfahrung und die eigene Gefühlswelt richtet. Auch deshalb gelingt es ihm, mit seiner Musik all jenen eine Stimme, einen Zufluchtsort zu geben, die sich jemals deplatziert oder als Außenseiter gefühlt haben. Ob er nun jene Abgründe wie die der Magdalenenheime auf Whelm besingt, sein Coming-out gegenüber den Eltern auf Aforger zum Thema macht oder die eigene isolierte Kindheit verarbeitet, wie nun auf Milkteeth: In seinem reduzierten, einzigartigen Sound wird stets Dares Vision deutlich – sein Versuch, Ehrlichkeit mit Anmut zu verbinden. 

Info

www.douglasdare.com
www.erasedtapes.com

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