Anne Müller "Heliopause"

Die in Berlin lebende Cellistin und Komponistin Anne Müller hat ihr lang erwartetes Solo-Debütalbum angekündigt: Heliopause erscheint am 22. November 2019 bei Erased Tapes. Sie knüpft damit an eine ganze Serie von Veröffentlichungen an, bei deren Entstehung Müller mitgewirkt hat – angefangen bei ihrer gefeierten Kollaboration mit Nils Frahm unter dem Titel 7fingers, über Gastauftritte auf Ólafur Arnalds’ & Nils Frahms Collaborative Works, Frahms aktuellen Album All Melody und der mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneten Musik zu Victoria, als auch Fallen Trees von Lubomyr Melnyk, bis hin zu zwei exklusiven Solotiteln („Walzer für Robert“ und „Bel Tono“), die sie zur 5. bzw. 10. Jahresfeier des Londoner Labels für die jeweiligen Jubiläumsboxsets beigesteuert hatte. Ein flüchtiger Blick auf ihre Discogs-Seite verrät, dass Anne Müller seit den Anfängen im Jahr 2007 bei mehr als 60 Veröffentlichungen mitgewirkt hat.

An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main unter dem bekannten Cellisten und Dirigenten Michael Sanderling klassisch ausgebildet, spielte Anne Müller zunächst jahrelang in unterschiedlichen Berliner Sinfonieorchestern, um schließlich einen anderen Weg mit ihrer Musik einzuschlagen: Sie wollte sich auf neue Ansätze konzentrieren, Neuland erkunden, sich mit dem klassischen Instrument auf andere Art auseinandersetzen. Überzeugt davon, dass gerade im gemeinschaftlichen Arbeiten eine besondere Kraft liegt, war sie wenig später als Cellistin und auch als Komponistin sehr gefragt: Auf ihre Zusammenarbeit mit Nils Frahm folgte eine lange Kreativpartnerschaft mit der Singer/Songwriterin und Komponistin Agnes Obel, mit der Müller ganze fünf Jahre auf Tour verbrachte und auf Ihren zwei Alben Philharmonics und Aventine mitwirkte. Zuletzt arbeitete Anne mit dem Multiinstrumentalisten Markus Sieber (aka Aukai) an dessen Album Reminiscence (2019). Zwischenzeitlich gründete sie obendrein mit Alex Stolze (Geige, Gesang) und dem Konzeptkünstler und Musiker Sebastian Reynolds (Klavier) das progressive Live-Projekt Solo Collective, dessen Solo Collective Part One im Jahr 2017 erschienen ist.

Im Gegensatz dazu in jeglicher Hinsicht ein Soloalbum, hat Anne Müller Heliopause komplett selbst geschrieben, aufgenommen, arrangiert und produziert. Der Titel bezieht sich auf den äußersten Rand der Heliosphäre – jene Grenze, ab der der Sonnenwind nicht länger wirksam ist; so gesehen markiert diese Schwelle die Außengrenze unseres Sonnensystems. Auf Anhieb davon fasziniert, war sie während der Arbeit über den Titel gestolpert, da die beiden Voyager-Raumsonden, die vor 42 Jahren zur Erforschung ausgesandt worden waren, erst kürzlich die Heliopause überschritten in den interstellaren Weltraum eingetreten ist, und somit den Einflussbereich unserer Sonne verlassen hat. Die Musikerin erkannte darin Parallelen zu ihrem eigenen Leben, denn sie nähert sich nicht nur dem Alter der Erkundungsmission, sondern überschreitet mit ihrem Album ebenfalls eine Außengrenze: Nachdem sie sich jahrelang auf Kollaborationen mit anderen Größen konzentriert hatte, wagt sie sich nun erstmals auf unbekanntes Terrain vor und macht mit Heliopause ihr allererstes Solo-Werk. „Heliopause markiert das Ende einer langen Reise, aber es ist zugleich der Auftakt für weitere Entdeckungsreisen, ein Aufbruch in seltsame neue Klangwelten.“

Ein echtes Statement macht dabei schon der Eröffnungstitel „Being Anne“, in dessen Verlauf sich Müller auf die neuen Freiräume einlässt und das experimentellste Stück der LP präsentiert, indem sie das Cello in einen ganz neuen Kontext überführt. Die Melodie lässt sie mit einem Plektrum auf den Saiten eines kaputten Klaviers entstehen, den Rhythmus dazu generieren die kratzenden Teile des Tastenapparats – so wird dem angezählten Instrument neues Leben eingehaucht, es darf noch einmal zwischen geloopten Cello-Dronenklängen und Schlagzeug glänzen. „Ich arbeite da mit den Klängen eines kleinen Klaviers, das ich von meiner Mutter bekommen habe. Sie kaufte es sich schon als Studentin, als sie noch kaum Geld hatte. Später stand es dann jahrelang in unserem kleinen Gartenhaus rum, und ich übte darauf andauernd für den Klavierunterricht. Obwohl es sehr alt und nicht gerade im besten Zustand ist, liebe ich den Klang dieses Instruments... ich nenne es mein kleines Zirkusklavier.“

Als wunderschöner Kontrast zu den atmosphärischen Noise-Ausbrüchen von „Being Anne“ folgt darauf der reduzierteste und schlichteste Titel „Solo? Repeat!“ Für das von J.S. Bach und Gaspar Cassado inspirierte Stück setzt Müller tatsächlich auf ein reines Instrumentalsolo: unbegleitetes Cello. Die Vorabsingle „Nummer 2“ trägt diesen Titel, weil es das zweite Stück ist, das Anne jemals geschrieben hat: Eine Kombination aus alten Sounds und neueren Ansätzen, verleihen die wiederkehrenden Arpeggien diesem Stück eine gewisse Dramatik; zugleich unterstreicht Müller damit ihr grandioses Gespür als Produzentin. Den Höhepunkt der LP markiert „Drifting Circles“, das mit einem ganzen Orchester aus Cello- und Gesangs-Loops daherkommt. Indem sie sich auf den Minimalismus von zeitgenössischen Komponisten wie Steve Reich und Philip Glass bezieht, mündet der Titel in ein massives Crescendo, bei dem sich das Cello in höchste Lagen schwingt während es von Moll nach Dur schreitet.

Heliopause – sowohl das gleichnamige Abschlusslied wie auch das Album als Ganzes – übertritt in seinem Verlauf immer wieder physische als auch unsichtbare Grenzen, und lässt Anne Müller ihr Instrument das Cello, was sonst in der klassischen Musik verwurzelt ist, in immer neue und unerforschte Regionen entführen.

Trackliste:

  1. Being Anne                                         4.            Aarhus / Reminisces
  2. Solo? Repeat!                                     5.            Drifting Circles
  3. Nummer 2                                           6.            Heliopause