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Aron Ottignon "Team Aquatic"

Jazzmusiker gehören sicherlich nicht gerade zu den primären Exportartikeln Neuseelands, obwohl der südpazifische Inselstaat mit den Pianisten Mike Nock und Dave MacRae sowie Saxophonist Nathan Haines durchaus schon einige international prominente Namen hervorgebracht hat. 

Bekannter ist das Land eher für den martialisch anmutenden Haka-Tanz der Maori, den zum Beispiel die gefürchtete Rugby-Union-Nationalmannschaft All Blacks traditionell vor Spielen aufführt, um ihre Gegner einzuschüchtern. Auch den neuseeländischen Pianisten Aron Ottignon, der mit seinem Album “Team Aquatic” nun bei Blue Note debütiert, hat der Haka und die dahinter steckende “No bullshit”-Einstellung von klein auf fasziniert. Als er seine Musikkarriere begann, diente der Haka ihm folglich als Inspiration: “Ich sagte mir: ‘Ich werde das Instrument attackieren, die Leute erschrecken und ihnen alles abverlangen’”, verriet er der Online-Plattform “Freunde von Freunden” vor zwei Jahren in einem Interview, um dann besänftigend nachzuschicken: “Aber in gewisser Weise ist es auch eine Begrüßung, wie ein Maori-Haka.”

Tatsächlich erschreckt hat Aron Ottignon das Publikum mit seiner Musik allerdings nie. Schon früh stellte sich bei dem 1982 in Auckland geborenen Pianisten unglaublicher Erfolg ein: In seiner Heimat als Wunderkind gefeiert, räumte er in seiner Jugend so ziemlich alle Musikpreise ab, die zu vergeben waren. Was indes nicht weiter überraschen sollte, da die Musik bei den Ottignons eine lange Familientradition hat. Seine Großmutter spielte erst Klavier in Londons erstem Stummfilmkino und später Harfe in der Band des Exzentrikers Liberace; sein Vater wiederum war Saxophonist im Quintett von Manfred Mann und begleitete durchreisende Jazzmusiker bei Auftritten in Auckland. Oft lud Arons Vater diese Musiker zu sich nach Hause ein und bat sie, seinem talentierten Sprössling ein paar Kniffe zu zeigen. So lernte Aron Ottignon mit zehn Jahren den Pianisten Andrew Hill kennen, der einer seiner ersten Klavierlehrer werden sollte. Deshalb hat es auch einen ganz besonderen Charme, dass der heute 34-jährige Ottignon mit “Team Aquatic” nun ausgerechnet bei dem Label Blue Note gelandet ist, für das Hill in den 1960er Jahren etliche bahnbrechende Alben eingespielt hatte.

Der 2007 gestorbene Andrew Hill war ein Meister der Improvisation. Und Improvisation ist auch Aron Ottignons zweite Natur. Das war schon ganz zu Anfang so. Notenblätter und Partituren ließ er schnell links liegen, um eigene Wege zu gehen. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie er von der Schule nach Hause kam und nichts anderes im Kopf hatte, als sich stundenlang irgendwelche Jazz- und Bluesnummern anzuhören und zu ihnen auf dem Flügel der Familie zu improvisieren. Arons unstillbarer Hunger nach Freiheit nährt seine Musik heute genauso sehr wie es sein Eklektizismus und seine kosmopolitische Ader tun. Ein einschneidendes Erlebnis war zu Beginn des neuen Milleniums der Besuch eines Konzerts des australischen Jazz-Trios The Necks in Sydney. Denn da bemerkte Ottignon erstmals, dass man mit experimenteller moderner Musik auch ein junges Publikum begeistern kann. Als Reaktion darauf gründete er seine erste eigene Band Aronas, mit der er 2005 das Album “Culture Tunnels” herausbrachte, auf dem er - begleitet von einem Bassisten und zwei Schlagzeugern - seine Variante eines kraftvoll groovenden Jazz vorstellte. Da die Band auch viele polynesische Rhythmen verwendete, verpasste Aron der Musik damals keck das Etikett “South Pacific Groove”. “Just als man dachte, dass man mit lediglich Klavier, Bass und Schlagzeug nichts Neues mehr machen kann, kommt Kiwi-Pianist Aron Ottignon mit seiner Band Aronas daher, um einen eines Besseren zu belehren,” schrieb der Guardian damals begeistert in einer Rezension, in der das Trio auf eine Stufe mit The Necks, In the Country und EST gestellt wurde.

Kurze Zeit später zog die Band nach London, wo sich Ottignon in den nächsten fünf Jahren allerdings weniger in Jazzkreisen bewegte, sondern stattdessen die vielschichtige Club-Szene (von Electro über Grimes bis Dubstep) erkundete. “Mir wurde bewusst, dass die Leute meine Musik mit all ihren Sinnen erfahren wollten, so wie sie das in Clubs tun”, sagt er. “Ich mag diesen intellektuellen, ‘bestuhlten’ Jazz nicht, bei dem die Leute ihre Handys ausschalten und andächtig lauschen müssen. Wenn ich Jazzaufnahmen aus den 50er und 60er Jahren höre, dann höre ich die Leute im Hintergrund trinken, lachen und tanzen.” Durch Kontakte zur karibischen Diaspora entwickelte er zudem ein Faible für Steel-Drummer (das Instrument ist inzwischen zu so etwas wie seinem Markenzeichen geworden). Nachdem er den französischen Singer/Songwriter Woodkid (Yoann Lemoine) auf einer Tournee begleitet hatte, wechselte Ottignon nach Paris, wo er gelegentlich mit dem Rapper Abd al Malik von den New African Poets zusammenarbeitete. Wenn es noch eines weiteren Beweises seines vielgestaltigen Talents bedurft hätte, lieferte er ihn 2013, als er gemeinsam mit dem Belgier Stromae dessen Hit “Papaoutai” produzierte. Obwohl er ständig zu Tourneen und Studiosessions eingeladen wird, verlor Aron darüber nie seine eigentlichen Prioritäten aus den Augen: seine eigene Musik zu komponieren, zu entwickeln und zu verbreiten. 2015 brachte er die beiden EPs “Starfish” und “Waves” heraus, die international ziemliche Wellen schlugen. Mit der EP “Nile”, deren Titelnummer er seiner Schwester - der Sängerin Holly Ottignon - widmete, legte er 2017 nach.

Die letzten beiden Jahre verbrachte Aron Ottignon, der mittlerweile zwischen Paris und Berlin hin- und herpendelt, damit, zusammen mit den Produzenten Paul “Seiji” Dolby und Rodi Kirk an seinem Blue-Note-Debüt “Team Aquatic” zu feilen. Auf seinem ersten Album unter eigenem Namen knüpft Ottignon dort an, wo er 2005 mit Aronas aufgehört hatte. Dafür gönnte er dem Titelstück des damaligen Albums sogar eine Überarbeitung. 

In der Zeit, als er mit Aronas in London verweilte, entstand auch das Stück “Starfish”, das von einem 6/4-Takt geprägt ist, der auf einer Holztrommel aus dem Südpazifik gespielt wird. Auch sonst zeigt sich der Pianist hier so abenteuerlustig und experimentierfreudig wie zu seinen Zeiten mit Aronas. Während der Titel “Rivers” gewisse Einflüsse von traditioneller peruanischer Musik aufweist, diente eine Reise zu der im indischen Ozean gelegenen Insel Réunion als Inspiration für die beiden Nummern “Waves” und “Ocean”, was durch Kayamb-Rhythmen unterstrichen wird.  In “The Jungle” wiederum verarbeitete der Pianist Eindrücke, die er zu Weihnachten 2015 bei einem Besuch eines Flüchtlingscamps in Calais gewann. Das Album lässt er schließlich mit der sublimen Ballade “Rothesay Bay” ausklingen. Benannt ist das Stück nach dem Strand in Neuseeland, an dem Arons Großeltern ihr ganzes Leben verbracht haben und er selbst zur Welt kam.

Artist: Aron Ottignon

Album: Team Aquatic

Label: Blue Note 

Vertrieb: Universal Music

VÖ: 13.10.2017

Live: 20.11.17 Berlin - Berghain Kantine


www.aronottignon.net

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