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Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar "Einfluss"

Roedelius gehört zu den Übervätern der Kosmischen Musik und des Krautrock. Mit seinen Bands Cluster und Harmonia gestaltete er diese Musikstile maßgeblich mit. So wurde Roedelius von der Aufbruchsstimmung der späten sechziger und der siebziger Jahre geprägt. „Wir waren ein wilder Haufen. Wir haben versucht, etwas aus dem Bauch heraus zu machen, von dem wir nicht wussten, wo es hinführt.“, sagt er rückblickend. „Auf seinen Konzerten transportiert Roedelius etwas in die Gegenwart, und das ist ein richtig schöner Schatz. Das ist etwas, das du bei den jungen Leuten nicht findest. Es gibt keine Egomanie bei ihm“, erklärt Kasar. Heute blickt Roedelius auf eine über hundert Releases umfassende Discographie zurück. 

Arnold Kasar ist fast dreißig Jahre jünger, er ist ein Kind des Crossover des Berlins der neunziger Jahre. Er brach die Grenze zwischen der elektronischen Tanzmusik und dem Jazz auf, er musiziert(e) mit Micatone, Nylon und Friedrich Lichtenstein. Als Ensemblemusiker, Arrangeur und Producer war er im Kontext des einflussreichen Berliner Labels Sonar Kollektiv aktiv. 

Kasar verfügt über eine klassische Klavierausbildung, Roedelius hat nie gelernt Noten zu lesen. So verschieden die Vorgehensweise der beiden ist, so teilen sie doch eine Offenheit gegenüber musikalischen Formen und Kollaborationspartnern. 2010 stieß Roedelius auf Kasars erstes Soloalbum und war davon so begeistert, dass er ihn einlud, auf seinem Festival in Lunz bei Wien zu spielen. Eine immer intensiver werdende Künstlerfreundschaft entwickelte sich. „Wir teilen eine ganze Reihe von Werten. Familie, Liebe, Aufmerksamkeit und Respekt vor dem anderen ist uns beiden sehr wichtig“, erklärt Roedelius über seine Begegnung mit Kasar. Mit der Zeit entstand der Plan einer Zusammenarbeit – natürlich als Improvisation. Denn alle neueren Arbeiten von Roedelius sind in diesem Modus entstanden. Dieser Ansatz kam Kasar entgegen, denn er hatte gerade eine kontrollierte, systematische Arbeitsweise zu Gunsten eines freieren Ansatzes aufgegeben. 

Als Kasar dann Roedelius in dessen Wohnort Baden besuchte, setzte Roedelius sich zielstrebig ans Klavier. „Er meinte gleich am Anfang: Ich würde gerne Klavier spielen“, erzählt Kasar. Der hatte die Idee, das Klavier mit Filz zu präparieren. So entstand der einzigartige, zarte, intime Klang des Albums. Roedelius hat einen schönen, weichen Anschlag. Er hatte nie im Leben auch nur eine Stunde Klavierunterricht. Es gibt keine Komposition bei ihm. Er macht etwas mit dem Klavier, was er auch mit den Synthesizern macht. Ich kann das nicht erklären, aber es bewegt etwas in mir“ Kasar reagierte mit seinen elektronischen Instrumenten auf Roedelius` Klavierspiel. 

So arbeiteten die beiden drei Tage lang zusammen. In kürzester Zeit entstanden mehr als dreißig Stücke. „Wir haben unsere gesamte Lebenszeit gebraucht, um da hin zu kommen“, lächelt Roedelius. 

Da geht es nicht um Technik, nicht um Präzession, nicht um Struktur, sondern um ein Fließen. Wo andere die volle Kontrolle anstreben, lassen sich die beiden fallen. So können sie sich auf eine besondere Weise dem Mitspieler öffnen und auf ihn reagieren. Es geht nicht darum, etwas vorzuführen, das eigene Können am Klavier unter Beweis zu stellen. Sie wollen den Hörer an einer gemeinsamen Erfahrung teilhaben lassen. „Das Besondere daran ist, dass wir nicht die Absicht hatten, etwas Besonderes zu machen“, erklärt Roedelius. Dabei sind diese Stücke zugänglicher als frühere Arbeiten von ihm. Vielleicht hat Kasar ein harmonisches, vom Jazz inspiriertes Moment eingebracht. 

Das Album eröffnet mit Rolling. In dieser vorbereiteten Komposition von Roedelius erzeugen weiche Pianotöne einen beruhigenden Rhythmus. Zum behutsamen Klavierspiel zupft Kasar an den Seiten des Instruments. Bei On The Fly begleitet Kasar Roedelius´ Klavierspiel mit dem Reaktor Synthesizer. Bei Rohstoff dreht sich dieses Verhältnis um, die Melodien stammen von Kasar, Joachim findet das rhythmische Gerüst. Die ruhigen Akkorde und die fernen Synthesizer von Blaupause sind eine Solo-Improvisation von Kasar, deren Ruhe sich bei Black White Felt noch weiter vertieft. Bei Venta reagieren Kasars flirrende Synthesizer auf die sparsamen Pianotöne von Roedelius. Bei Wiese harmonieren die beiden ganz und gar miteinander, ist es nicht mehr nachzuvollziehen, welches Element von wem stammt. Nun folgen drei weitere Solo-Improvisationen von Kasar: Aaare hat einen spielerischen, jazzigen Duktus, bei Wehra klingt eine Nachdenklichkeit an, die in Mollmaterial aufgelöst wird. Mit sparsamen Klängen hält Ypps einen Moment inne. Dieses Innehalten verdichtet sich bei Neris zur einer meditativen Konzentration, die sich bei Asco ins Atmosphärische öffnet und bei Volturno ein inneres Zentrum findet. Jetzt spielen Roedelius und Kasar gemeinsam Klavier. Mit der romantischen, schwelgerischen Tiefe von Piave, dessen Melodien selbstverständlich von Kasar stammen, erreicht das Album seinen Höhepunkt. Dann kündigt sich mit dem beschaulichen, gelösten Lullaby, einer Komposition von Roedelius, das Ende an. Das Album schließt mit zwei Arbeiten von Roedelius, die von Kasar re-interpretiert wurden. Die großzügigen Pianoläufe von Restonica geben Gelegenheit, auf das Erlebte zurückzublicken. Und mit Sula lassen uns Roedelius und Kasar mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit zurück. 

So perfekt die Hörerfahrung dieses Albums ist, macht sie doch neugierig auf die Konzerte der beiden. „Uns geht es nicht um offene Münder. Wir wollen einen Abend gemeinsam mit unserem Publikum gestalten“, erklärt Kasar. „Es gehört dazu, dass man mit dem Herzen und mit dem Gefühl hört und nicht mit der Absicht, etwas Tolles zu produzieren“, fügt Roedelius hinzu: „Der Genius des Mitspielers hält die Hand über dem Ganzen. Es fließt aus uns heraus.“ 

Künstler: Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar

Album: Einfluss

Label: Deutsche Grammophon

Vertrieb: Universal Music 

VÖ: 23.06.2017


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