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Sophie Hunger "1983"

Journalist : "Who are you as a person ?"
S. Hunger : "You mean, as opposed to me as an elephant?"
Das Album 1983 erscheint in Deutschland am 16. April 2010, gefolgt von einer europaweiten Tournee, wo Sophie Hunger einweiteres Mal zu neuen Ufern aufbricht. Die Eigenartige aus dem Land der Eigenarten kommt nicht zur Ruhe. Kein Jahr nach ihrem zweiten Album «Monday’s Ghosts» kündigt sie schon ein neues an. Sophie Hunger hat es «1983» getauft, nach ihrem Jahrgang. Zwölf Monate später hätte laut Orwell die Welt untergehen wollen. Ist sie das vielleicht und wir haben es nur noch nicht bemerkt? In einem zweifelnden, verzweifelnden und eigensinnigen Kreuzzug singt Sophie Hunger an gegen das Verschwinden von immer mehr klitzekleinen Bestandteilen der Welt.

 

Sophie Hunger wurde 1983 in Bern geboren, verbrachte aber einen guten Teil ihrer Kindheit in London und Bonn. Mit neun erhielt sie für kurze Zeit Klavierstunden, die aber keine Früchte trugen. Zur Musik fand sie erst mit 19 Jahren wieder zurück, als sie als Sängerin bei diversen Bands spielte. „Mein Respekt vor Musik, vor künstlerischem Ausdruck war sehr gross als Teenager, ich war verklemmt und distanziert. Erst als ich dieses Bewusstsein verlor, begannen diese Dinge sich zu entfalten. Ich war 23 und alles fiel aus mir heraus.“ Das, was da heraus fiel, nahm Hunger in ihrem Wohnzimmer auf, taufte es “Sketches On Sea” und verkaufte davon einige Tausend Kopien. Sie wird „zum bestgehüteten Geheimnis der Schweizer Musikszene“ (Facts). Das Album „Sketches on Sea“ gibt bereits einen Eindruck von Hungers musikalischem Horizont: eine Welt ohne stilistische Grenzen, auf dem sich die Multiinstrumentalistin unverblümt zwischen Jazz, Folk, Rock bis hin zu Stimmparodien bewegt. Nicht nur beim Schweizer Publikum weckte sie mit ihrer Musik Interesse: So teilte Hunger bald Bühnen mit Jazzgrössen wie Erik Truffaz, den Industrial Pionieren The Young Gods oder der französischen Stimmkünstlerin Camille. Schliesslich wurde ihr, nach einem Auftritt am EuroVox 2008-Festival, auch von der renommierten französischen Tageszeitung Libération prophezeit, dass sie “nicht lange das bestgehütete Geheimnis der Schweiz bleiben wird”. Ihre Konzertpräsenz ist es schlussendlich auch, die ihr zum Durchbruch verhilft. „She's Laura Marling, Beth Orton and Björk in one folk-rocking package“ (The Guardian, UK), „atemberaubendes Konzert“ (Musikexpress, DE), „excellent“ (Le Monde, FR). Das erste Studioalbum Monday’s Ghost, erschienen im Frühjahr 2009, steigt auf dem ersten Rang der Schweizer Album-Charts ein, erreicht Goldstatus und verkauft sich auch in Deutschland und Frankreich mehrere zehntausend Mal. Das neue Album „1983“ hat dies übrigens auch wieder geschafft und stieg auf Platz #1 der Schweizer Album Charts ein.Ihre Königsdisziplin bleibt jedoch die Bühne. An ihren mehrsprachigen Konzerten besticht, sie neben ihrer Stimme, mit freien Jazzimprovisationen am Klavier, den Sounds ihrer E-Gitarre, die sie wie eine Punkprinzessin spielt, und Mundharmonikasolos in Folkmanier. 2009 reist Hunger und ihre 5-köpfige Band kreuz und quer durch Europa, wo sie über 100 Konzerte spielen. Lob erhält sie auch von Jamie Cullum oder Madeleine Peyroux, welche die Sängerin 2009 an Festivals kreuzt. Am Europäischen New Comer Festival Eurosonic im Januar 2010 wird Hunger als „one of the best gigs of the entire festival“ (Kinda Musik) bezeichnet. Sie ist auf France1 im Musikspektakel Taratata zu sehen, tritt in Paris im Cité de la Musique, im Olympia und Peter Brooks Theater Bouffe du Nord auf. Auch in Deutschland spielt sie eine mehrheitlich ausverkaufte Konzerttournee begleitet von Auftritten auf ARTE, der ARD und 3Sat.

In dieser Zeit wächst bei Hunger bereits der Drang nach einem neuen Album. „Es sind eben nicht nur die äusseren Dinge explodiert in jener Zeit, nein, das ist alles auch irgendwie in mir passiert. Das musste raus.“ So entsteht bereits Ende 2009 das neue Album 1983. In Zusammenarbeit mit sound engineer Stephane Briat (Phoenix, Air) hat Hunger das viersprachige Album in Paris produziert. Und tatsächlich, 1983 klingt wie eine Neuerfindung, vielleicht sogar ein Befreiungsschlag. Freigemacht hat sich Hunger von der akustischen Klangkulisse. Elektrische sounds, Drumcomputer und allerlei Effekte vermischen sich mit spröder Mundharmonika, sprengenden Beats und angezerrten Chören. Freigemacht hat sie sich auch von den geisterhaften, mystischen Texten des Vorgängeralbums. Mit Imperativen und direkten Bildern spricht sie uns diesmal an.

Sophie Hunger ist nicht einfach einzuordnen. Ihr mediales Auftreten ist zwiespältig, mal distanziert sie sich, mal tritt sie präzise auf. Sie hat sich den Ruf einer Widerspenstigen eingehandelt. Nach dem Grund ihres musikalischen Erfolgs gefragt, sagt sie: „Ich weiss es nicht. Es ist wohl eine mysteriöse Mischung aus barem Zufall und gefühlter Notwendigkeit.“ Oder in einem Fernseh-Interview danach gefragt, wo ihre Grenzen lägen, streicht sich Hunger mit dem Finger über den Umriss ihres Körpers. Auch ihre fiktionale, anarchische Kolumne in Die Zeit macht die Einordnung nicht einfacher. Dort berichtet sie aus der Sicht eines jungen Mannes, der physisch in der Zeitung liegt und aus dieser Perspektive beschreibt, was er wahrzunehmen im Stande ist. So lag sie bereits im Schosse ihrer Justizministerin im Warteraum zu Brüssel oder begleitete auf einer Parkbank einen Aussteiger-Zugvogel im Gespräch über die Demokratie in den Tod.

All songs written and produced by Sophie Hunger, except Le vent nous portera by Noir Desir.

Musiker: Sophie Hunger - vocals, electric and acoustic guitars, piano, harmonica / Michael Flury - trombone / Christian Prader - flutes, acoustic and electric guitar / Julian Sartorius - drums & percussion / Simon Gerber – bass / Manuel Troller – electric guitars

Songs: Leave me with the Monkeys / Lovesong to everyone / 1983 / Headlights / Citylights Forever / Your Personal Religion / Le vent nous portera / Travelogue / Breaking the Waves / D’Red / Approximately Gone / Invisible / Broken English / Train People

Sophie Hunger. Album 1983 – Im Gespräch.

Die Eigenartige aus dem Land der Eigenarten kommt nicht zur Ruhe. Kein Jahr nach ihrem zweiten Album «Monday’s Ghosts» kündigt sie schon ein neues an. Sophie Hunger hat es «1983» getauft, nach ihrem Jahrgang. Zwölf Monate später hätte laut Orwell die Welt untergehen wollen. Ist sie das vielleicht und wir haben es nur noch nicht bemerkt? In einem zweifelnden, verzweifelnden und eigensinnigen Kreuzzug singt Sophie Hunger an gegen das Verschwinden von immer mehr klitzekleinen Bestandteilen der Welt.

Wann und wie kams zum Entschluss, so schnell neue Songs aufzunehmen? «Eigentlich bereits nach dem Release von ‘Monday's Ghost’. Ich hatte dieses Gefühl, das ich alles kaputt machen muss und neu machen muss. Zur Zeit der Aufnahmen zu Monday's Ghost war ich sehr in mich gekehrt, schwach. Während der folgenden Tour blühte ich richtig auf, ich hatte dauernd neue Ideen und begann mich selbst mit den Fragen der Aufnahmen zu beschäftigen.» Hunger ging in den Aufnahmeraum, begann Beats zu schneiden, spielte mit Kompressoren, Equalizern, Mikrophonen, Amps und allen möglichen Einstellungen herum. «Daraus entstand» sagt sie, «der Wunsch, so schnell wie möglich wieder aufzunehmen um diese neuen Erkenntnisse, diesen neuen Stand, diese neuen Stücke mitzuteilen und zu teilen. Ich hatte stark das Gefühl, dass ich mit "Monday's Ghost" nicht mehr vertreten bin.»

Gab es einen Wegweiser oder ein Motto zum neuen Album? «Nein, nein, die Dinge werden zu dem, was sie sind, während dem sie gemacht werden. Man läuft aber nicht einfach ins Leere, es gibt so etwas wie einen Zug in der Luft, dem man nachgeht. Eine Mischung aus Ahnung und Unwissenheit. Wie an Ostern, beim Eier suchen». Sophie Hunger ist eine Widdergeborene.

Wie wirken die neuen Songs, wenn man sie schliesslich als ganzes Album vor sich hat? «Jetzt, am Ende der Aufnahmen, kann ich Merkmale erkennen. Es liegt etwas Aggressives darin, das sich nicht nur auf mich bezieht sondern auch nach aussen. Dazu das Cover: das Bild einer Frau die sich eine Pistole an die Schläfe hält, während dem sie eine zweite auf den Betrachter richtet. Ich habe dieses Bild von Maria Lassnig das ganze Jahr über in mir herumgetragen, es hat mich nicht losgelassen. Diese Spannung kam in mehreren Songs zum Ausdruck – in ‘Invisible’, ‘Citylights’ und anderen, vor allem eben in ‘1983’. Meine Pistole wird auf vieles gerichtet in diesem Album - aber immer ist der Rückschuss Teil davon, also dass es auch auf mich trifft.»

Der Titelsong hat eine Dringlichkeit, als wollte sich Sophie Hunger selbst überholen - auf einer Autobahn, in ihrem Leben, im Singen, die Nervosität und Gereiztheit von Punk und New Wave zitierend. Und gleichzeitig beklagt das Lied einen Verlust: «Komm, bitte sing mir ein Volkslied» singt sie, nochmal und nochmal. Um dann die Hoffnung zu beerdigen: «...auch wenn es das nicht mehr gibt.» Ein Lied beklagt den Verlust von sich selbst.

Sophie Hungers detaillierte Feinarbeit an Vokalen und Konsonanten - man versucht, sie sich vorzustellen, wie sie da irgendwo sitzt Silbe um Silbe setzt, vergleichbar der Arbeit mit einem professionellen Audio-Computerprogramm, wo jeder Klangsplitter um eine Mikrosekunde verschoben, um einen Mikro-Nuance heller oder dunkler, um einen Mikro-Hauch lauter oder leiser gesetzt werden kann. Was mit Beats funktioniert, taugt auch für die Stimme: Der Teufel und der Engel liegen im klanglichen Detail.

Und dann kommt es doch noch, «D’Red», das Volkslied, als einziges in Mundart und darum kostbar und intim. Und dann sprechen sie miteinander, die Songs dieses Albums: «D’Red» tauscht sich aus mit «Breaking The Waves», wo die Frau ein Dogma-Opfer ist und singt: «So winki de Matrose, sie si immer nöi. Wär o gärn nöi gebore, gedankelos elei.» Im schweren Seegang schwankt Sophie Hunger zwischen Misstrauen und dem vorsichtigen Versuch von Vertrauen, erkennt sich einerseits als nicht mitteilbar und will andererseits doch gefragt und nicht losgelassen werden. Mit jedem dieser Songs wird die Orwell’sche Anti-Utopie weitere drei Minuten hinausgezögert.

 

"Sie hat das Zeug zum Weltstar" (ARD/ TTT)
http://www.daserste.de/TTT/beitrag_dyn~uid,7q9u9cb7usjzagvb~cm.asp

Artist: Sophie Hunger
Titel: 1983
Label: Two Gentlemen
Vertrieb: Indigo
VÖ: 16.04.2010


www.myspace.com/sophiehunger



Haldern Festival 2010/ WDR "Rockpalast"

Fotocredit: photo by art10

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