WU-LU

„LOGGERHEAD“ – VÖ. 08.07.2022 via WARP

Die Zeiten sind ungemütlich, sie sind hart, und Wu-Lu aus South London hat den Soundtrack dazu. Jenseits von Genrekategorien macht er klangliche Ansagen und liefert War Dubs, die vor allem inspirieren sollen.

Im Verlauf der 12 brodelnd-explosiven Tracks, die der Producer, Multiinstrumentalist und Sänger auf dem Album „Loggerhead“ versammelt hat, blitzt tiefschürfender Post-Punk genauso auf wie haarsträubender Screamo, wie man ihn im Skatepark erwarten würde. Auch schemenhafte Hip-Hop-Szenarien bringt er ins Spiel, die so klingen, als ob sich Knwxledge hinter dem Windmill Club in Brixton Hill verlaufen hätte…

Krass druckvolle Gitarren, die am Horizont auftauchen und sich winden wie Hochspannungsmasten im Sturm, stehen auf massiven Betonwänden aus purem Bass, auf satten Drill-Fundamenten mit treibenden Triolen und melodischen Klavierkapriolen, die einen immer tiefer in die Szenerie hineinziehen. Mal klingt das wie Factory Records in den düstersten Stunden der Achtziger, mal wie Klassiker von DJ Shadow oder Frühneunziger-Slipknot. „Loggerhead“ wühlt sich quer durch die Vergangenheit und formt daraus das nächste Jetzt.

„Ehrlich gesagt freut es mich, wenn die Leute sagen, dass ich so ein Punk-Ding mache“, findet Wu-Lu, in dessen Pass der Name Miles Romans-Hopcraft steht. „Nur geht’s dabei natürlich um die Essenz des Punk, also nicht darum, wie die Sex Pistols klingen zu wollen. Meine Herangehensweise basiert schon immer auf einem Gefühl. Ich wollte mich noch nie dem anpassen, was sonst gerade so passiert. Ich erzähle alles einfach so, wie es sich für mich anfühlt.“

So also klingt der hymnische Sound von London im Jahr 2022: auf jeden Fall krass, auf jeden Fall richtig intensiv. Auch krass therapeutisch: Bei seinen Live-Shows stellt Wu-Lu immer noch ein zusätzliches Mic auf, damit jede:r, der/die ein bisschen (mit-)schreien will, sich zu ihm gesellen und alles rauslassen kann – eine Idee, die er sich bei der von Dan Carey produzierten Band Scotti Brains abgeschaut hat. Seine Shows sind in der Regel „all ages“, also offen für alle Altersgruppen, und er plant aktuell sogar eine Tour, die exklusiv durch Jugendclubs führen soll, weil derartige Aktionen und der dadurch entstehende Zusammenhalt besonders wichtig sind im Jahr 2022, wie er findet. Genauer: weil er aufgrund langjähriger Erfahrung im Bereich Jugendarbeit (u.a. im Raw Material, Brixton und in Förderschulen) einfach ganz genau weiß, wie unfassbar wichtig das ist.

Allerdings verlangen Zeiten wie diese auch nach einem Outlet für Wut: „Ich hab da echt eine krasse Kehrtwende hingelegt in den letzten Jahren“, holt er aus. „Inzwischen lasse ich alles lieber raus, anstatt mich zurückzuhalten. Ich habe kein Problem mit Konfrontation.“ Als er dann zufällig von der „Loggerhead“-Schildkröte hörte – auf Deutsch: Unechte Karettschildkröte –, der das neue Album seinen Titel verdankt, passte das einfach perfekt: „Dieses Tier erinnerte mich daran, wie es sich anfühlt, allein zu sein auf hoher See… Wenn ich ‘Loggerhead’ sage, dann meine ich mich selbst damit. Es geht um dieses Gefühl der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit. Wie eine Insel. Das trage ich in mir.“

Aufgenommen hat Wu-Lu „Loggerhead“ zusammen mit seiner Band in einem West-Londoner Pub und in The Betty Fjord Clinic in Norwegen. Sie kehrten mit einem nahezu fertigen Album nach London zurück – zusammengesetzt aus Samples, die in Jam-Sessions entstanden waren, um danach wiederum zerlegt, neu produziert und wieder eingespielt zu werden.

Inhaltlich umkreisen die Songs Themen wie Angst, Schuldgefühle oder auch das Überwinden von Ängsten, indem man sich ihnen stellt – und sie einfach frei herausschreit … und dabei nie vergisst, füreinander da zu sein. „Calo Paste“ feat. Léa Sen vereint wunderschöne Streicherarrangements mit hundemüde wirkenden Vocals und ultraharten Schichten aus gedrosselten Gitarren. „Blame“ hingegen kommt mit Industrial/Glitch-Electronica-Einschlag daher, während untenherum hyperaktive Breakbeats wüten und der Text verzerrt aus dem Megafon kommt. „Night Pill“ feat. Asha ist der Soundtrack zu einer nächtlichen Skate-Session, wenn Melodien wie Nachtbusse den Raum durchschneiden und im Hintergrund E-Gitarren-Schlieren wie lose Drähte in der Luft hängen. Die rumpelnde Energie dieser Session bringt schließlich alles zum Abheben und bugsiert den Track in die Stratosphäre.

„Das Ganze ist ein Patchwork aus Momenten, die wirklich so passiert sind“, sagt Wu-Lu über die Songtexte, die wie Stream-of-Consciousness-Ergüsse und Freestyles wirken. „Trotzdem hängt alles zusammen, denn es geht immer darum zu verstehen, woher ein anderer Mensch kommt – und woher man selbst kommt. Es sind Situationen, mit denen man sich identifizieren kann.“

„Loggerhead“ ist der Nachfolger seines gefeierten „Ginga“-Albums aus dem Jahr 2015, auf dem auch Gäste wie MNDSGN und Andrew Ashong zu hören waren. Damals war Wu-Lu Teil der sich gerade erst entwickelnden Touching Bass-Community; er wohnte in einer WG mit dem TB-Gründer Errol Anderson, der auch bei der Albumveröffentlichung aushalf. 2018 und 2019 folgten mit „N.A.I.S.“ und „S.U.F.O.S.“ dann noch zwei EPs, dazu gab es noch eine Reihe von Kollaborationen und eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Graphic-Maestros von Done London.

2021 veröffentlichte er dann zusammen mit Lex Amor den gefeierten Track „South“ als 7“-Single bei Ra-Ra Rok Records, dem in Camden basierten Label von Pete Donaghy. Donaghy war ursprünglich 1977 nur nach London gekommen, um The Clash live zu sehen, doch danach war er kurzerhand dageblieben. „‘South’ hat wirklich offengelegt, wie ich mich damals gefühlt habe“, sagt er rückblickend. „Mein Ansatz wurde damit auch für Leute nachvollziehbarer, die sich sonst vielleicht nicht die Mühe machen würden, überhaupt begreifen zu wollen, was ich mache. ‘South’ ist ein Ausgangspunkt – ab da werden die Leute offen sein für jede Richtung und jede Wendung, die die Musik nimmt.“ Kurz nach dem Release der Single unterzeichnete Wu-Lu seinen Vertrag bei Warp Records.

Früher war Miles Romans-Hopcraft immer fest davon überzeugt, ein „Grunger“ zu sein – „Eigentlich wollte ich ein Red Hot Chili Pepper sein!“ –, allerdings stand er voll auf Grime, was nun ganz und gar nicht „grunge“ war. Seine Eltern nahmen ihn früh mit ins legendäre Cooltan Arts-Community-Zentrum in Brixton („damals ein zentraler Teil von Brixton“), wo Kids und ihre Familien Dal essen, Djembé spielen und Tai-Chi machen konnten. Von seinem Vater, übrigens selbst ein Musiker, lernte er Trompete, landete dann aber doch beim Bass und gründete zusammen mit seinem Bruder und einem gemeinsamen Freund die erste Band. Die Jungle- und Hip-Hop-Platten, die seine Mutter, eine Tänzerin und Jugendarbeiterin, mit nach Hause brachte, führten zu ersten Versuchen als DJ, woraufhin er, inspiriert vom Filmklassiker „Scratch“, wenig später auch beim Thema Turtablism landete – und so begann er schließlich damit, selber erste Beats zu bauen. Nach und nach brachte er dann auch echte Instrumente zurück und integrierte sie in seinen Ansatz…

2016 gründete Wu-Lu dann gemeinsam mit dem Schlagzeuger und Producer Kwake Bass einen gemeinschaftsorientierten Proberaum mit angedocktem Studio – The Room – im Stadtteil Lewisham. Erstmals über den Weg gelaufen waren sich die beiden bei einem der legendären Brixtoner Open-Mic-Abende „Speakers Corner“, wo Kwake in der Hausband spielte. „Unser Ansatz ist schlicht und einfach folgender: Wir wollen das künstlerische Pfund in Umlauf bringen. Und wir haben alles dafür getan, die Sache so rund und fair wie möglich zu machen. Mir liegt dieses Projekt wirklich sehr am Herzen.“

 

Was es mit seinem Künstlernamen auf sich hat? Nun, es ist eine Abwandlung des amharischen Wortes für Wasser – „wu-ha“ – abgewandelt, um Verwechslungen mit dem Busta Rhymes-Klassiker zuvorzukommen. Genau wie Wasser kann Wu-Lu jede Art von Hindernis umschiffen und sich anpassen, indem er Ungläubigen aus dem Weg geht und stattdessen kreative Allianzen mit anderen Künstler:innen (wie etwa Black Midi) eingeht. (Tatsächlich spielt sein guter Freund Morgan Simpson von Black Midi Schlagzeug auf dem Track „Times“.) Wu-Lu selbst ist schon im Vorprogramm von so unterschiedlichen Acts wie Show Me The Body (NYC Hardcore Punk) und seiner Brixton-Kollegin Lianne La Havas aufgetreten. Auch in einer Fashion-Show von Nicholas Daley tauchte er kürzlich auf. „Ich versuche eigentlich immer nur, andere Leute zu inspirieren und sie dazu zu ermutigen, keine Angst davor zu haben, eigene Gedanken und Ideen zu entwickeln“, so Wu-Lu abschließend. „Das ist gewissermaßen der Kern dessen, was ich mache.“

Das Leben kann echt hart sein. Dieses Album hilft einem dabei, es zu bewältigen.

Wu-Lu Live Dates: 

09 July - Rough Trade, Bristol, UK 

10 July - Rough Trade East, London, UK 

15 July - Welcome To The Village, Leeuwarden, Netherlands

29 July - Les Escales Festival, Saint-Nazaire, France 

06 Aug - Beseda U Bigbítu, Tasov, Czech Republic 

11 Aug - Haldern Pop Festival, Rees-Haldern, Germany 

13 Aug - Musikfestwochen Festival, Winterthur, Switzerland 

17 Aug - Le Cabaret Vert Festival, Charleville-Mézières, France 

20 Aug - La Route du Rock Festival, Saint-Malo, France

27 Aug - Nox Orae Festival, La Tour-de-Peliz, Switzerland 

02 Sep - End Of The Road Festival, Lamer Tree Gardens, UK 

08 Sep - Village Underground, London, UK 

10 Sep - Live Rock Festival, Acquaviva, Italy