TOSCA

TOSCA “OSAM” - 27.05.2022 via !K7 Records

Für Richard Dorfmeister und Rupert Huber stellt der Gedanke der Wiedergeburt eine zentrale kreative Antriebskraft dar, die ihre Musik durchdringt und zutiefst prägt. Als das avantgardistische und in der elektronischen Musik verankerte Duo Tosca haben die beiden Künstler in ihrer fortwährenden Karriere bereits verschiedenste Etappen durchlebt – sie experimentierten schon früh mit Kassettendecks herum und erarbeiteten sich seit den 1990ern mit ihren toscaesken Dub-Kompositionen einen eigenen Namen. Ihr neuestes Werk „OSAM” greift jene Idee der Wiedergeburt auf und erkundet neue Ufer. Das Album ist eine meditative Reise durch Rhythmus und Textur und verkörpert ein neues Kapitel für das österreichische Duo. Mit ihm meistern sie einen kreativen Spagat, denn OSAM verkörpert beides: es ist ein Instrument zum Wandel – und somit zukunftsgewandt – sowie zugleich eine Inspirationsquelle, die sich an Vergangenem bedient. „Osam”, aus dem Serbischen direkt übersetzbar als die Nummer Acht, steht zur selben Zeit auch für das mittelalterliche Symbol des Neustarts – der Renaissance. Dieses ist ihr neuntes Studioalbum, allerdings – ebenfalls toscaesk – dachte das Duo in der Konzeptionsphase, dass es ihr achtes sei.

Seit ihrer Entstehung in den frühen Neunzigerjahren hat Tosca verschiedene Formen und Gestalten angenommen, ihren Ursprung hat die Geschichte von Dorfmeister und Huber jedoch in ihrer Kindheit in Wien. Sie trafen erstmals in der Schule aufeinander und erkundeten schon im jungen Alter ihre kreativen Impulse miteinander. So brachten sie unter dem Alias Dehli9 zunächst traditionelle indische Musik, Drumcomputer und gesprochene Poesie zusammen. „In dem kleinen Ort in dem wir zur Schule gingen, waren wir – zumindest in unseren Augen – die einzigen zwei ‘normalen’ Menschen, die versuchten anständige Musik zu machen; also fühlten wir uns ein bisschen wie ‘wir gegen die‘“, beschreibt Huber ihre künstlerischen Anfänge. Diese Einstellung bekräftigte sie Musik zu kreieren, die nicht nur befreiend, sondern gleichzeitig eine Spiegelung ihrer tatsächlichen Leben war. Nimmt man beispielsweise ihre 1994 erschienene Debütsingle „Chocolate Elvis”, so begegnet man einer sample-lastigen und den rollenden Beat betonenden Platte, die den Einfluss von Trip-Hop auf den Zeitgeist dieser Zeit einfing. Darauf folgte eine Reihe hochgelobter Alben und Remix-Sammlungen, inklusive dem im Jahre 2000 erschienenen „Suzuki” sowie dem 2005 veröffentlichten „JAC”, die allesamt mittlerweile innerhalb des Downtempo-Gefildes als Meilensteine angesehen werden.

Diese fluide, Genre-übergreifende Herangehensweise ist Toscas Art, das eigene, künstlerische Wiedererwachen herbeizuführen und sich gleichzeitig einen gewissen künstlerischen Spielraum offen zu halten, der ihre Musik unvorhersehbar macht. OSAM ist eine Erweiterung dieser Praxis, die diesmal jedoch neue konzeptuelle Höhepunkte erreicht. „Mein Interesse in räumliche Musik entwickelte sich in meiner späten Jugend. Ich liebe es Musik für ,echte Räume’, wie zum Beispiel öffentliche oder halböffentliche Räume zu kreieren, wo jeder Mensch in der Lage ist sie zu hören. Denn diese ist eine gänzlich andere Art Musik zu erleben, als beispielsweise einsam über Kopfhörer Musik zu hören. Sie wird zu einem Teil einer Stadt, einer Landschaft, eines Gebäudes. Wenn Musik eine architektonische Dimension bekommt, ist sie besonders wertvoll für mich”, erläutert Huber.

Und tatsächlich, diese architektonische Qualität ist in den pointillistischen Landschaften OSAMs präsent. Die Eröffnung durch NOBODY CARES baut das Momentum langsam auf und ähnelt dabei dem Geduld bedürftigen Akt des Errichtens. Friedliche und sanfte Synthie-Klanglandschaften, die an einen Frühlingstraum erinnern, werden mit lebhaften Gitarrenspuren und glänzenden perkussiven Elementen gepaart. SHOUT SISTER schöpft aus den dubbig-jazzigen Electronica-Einflüssen ihrer vorherigen Werke, verpasst diesen jedoch einen erfrischenden, modernen Dreh. Der den Titel des Albums tragende Track ist durch düstere und sich stetig modulierende, lebendige Soundscapes geprägt, die ihm sein Grundgerüst verleihen, welches wiederum durch aufflackernde, leicht dissonante Trompetennoten und umherschwirrende Vocal-Samples durchdrungen wird. Toscas Einsatz von Vocals erinnert an ihre früheren Platten, wo Sprache ebenfalls als stilistisches Element eingebaut wurde ohne dem lyrischen Inhalt jedoch zu viel Bedeutung beizumessen. Die bedeutende Ausnahme stellt an dieser Stelle DEMENTAMENTE dar; ein Stück in dem Toscas langjährige Freundin und Kollaborateurin Anna Clementi mit intimen Vocals zur Seite steht. Zweifelsohne handelt es sich bei diesem Album um einen vorwärtsgewandten Schritt des Duos. Während ihr Katalog stets von einer ausgeprägten Melancholie geprägt ist, spielt OSAM mit der Anziehungskraft zwischen Optimismus und Resignation – ein Balanceakt, der sich auch in der Komplexität der Produktion widerspiegelt. „In unserer Musik besteht immer eine enge Verbindung zur ‘realen’ Außenwelt. Da ist einfach ein spezieller Groove…”, beschreibt Huber den Schreibprozess des Albums. Dorfmeister teilt diese Ansicht und fügt hinzu: „Wir befinden uns an einem Punkt an dem wir immer sein wollten; instrumentalbasiert aber mit mehr Vocals und einem frischen, erneuerten Sound. Es war ein langer Weg bis hierhin, aber wir haben es endlich geschafft.”

Es ist geradezu diese transformative Sicht- und Herangehensweise durch die OSAM nicht nur konzipiert, sondern auch ausgeführt wurde und die aufzeigt, dass der Stillstand für Tosca schlichtweg keine Alternative ist. Dorfmeisters und Hubers kreative Vision ist über lange Zeit hinweg durch Neuerfindung definiert gewesen; ihr neuestes Album ist dabei keine Ausnahme, vom Titel bis hin zum mitreißend eklektischen Sounddesign. Huber höchstpersönlich bringt es auf den Punkt: „Unsere Alben beschreiben, jedes für sich, einen bestimmten Abschnitt unserer Leben – es gibt keinen besseren Weg dies zu tun.”

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