Tortusa “Bre"

Das neue Album des norwegisch-amerikanischen Klangtüftlers Tortusa fasziniert mit Ambient, Dub, Noise und experimentellem Jazz. Drei der bekanntesten norwegischen Jazzmusiker haben Gastauftritte.

„Meine Titel sollen offen für Interpretationen bleiben“, sagt John Derek Bishop alias Tortusa. „‘Bre’ kann ‚Gletscher‘ bedeuten, aber auch ‚sich ausbreiten‘ (sowohl Menschen als auch Objekte).“

Es ist das vierte Album von Tortusa und sein zweites als Solokünstler. Der norwegisch-amerikanische Musiker legt mit „Bre“ sein anspruchsvollste und komplexeste Werk bislang vor. Mit seinen bisherigen Alben für Jazzland Recordings hat der in Stavanger lebende Künstler sich als wichtige Stimme einer experimentellen norwegischen Jazz-Szene etabliert. Sein 2016er Werk „I know this Place - The Eivind Aarset Collages“ war für einen norwegischen Grammy nominiert. Das Album nutzte Samples des legendären Gitarristen, um neue Stücke zu erschaffen.

Nun ist Eivind Aarset (Bishop: „ich liebe seinen satten Sound, er kann mit seiner Gitarre auch Perkussives spielen“) einer von drei prominenten Gästen, die eigens für „Bre“ improvisierte Passagen aufgenommen haben. Erland Dahlen („einer meiner all-time-Lieblingsdrummer, ich schätze seine abstrakte Art, zu trommeln“) und der Trompeter Arve Henriksen („er hat einen distinktiven Sound, der so viele Emotionen hervorruft“) sind die anderen beiden.

Der US-stämmige Bishop, geboren 1985, ist eine ganze Generation jünger als seine Vorbilder. Wie schon zuvor zeigte sich Tortusa während des dreijährigen Entstehungsprozesses von „Bre“ inspiriert von der Natur. Diesmal nahm er Field Recordings in Kalifornien und Italien auf, sowie auf 1000 Meter Höhe in den norwegischen Bergen. Mithilfe von Samplern, Modularsynthesizern, Loop-Stations und anderer Hardware prozessiert der Klangkünstler anschließend die Aufnahmen und schafft sich so seine ganze eigene elektroakustische Sphäre.

Zwar gibt es auch auf „Bre“ unterkühlten Dub („Så Oss Altså Ikke“) und düsteren Downbeat („Like Overfor“), doch ist das Album noch entrückter als alle bisherigen – losgelöst von jeglichen Jazz- oder Pop-Strukturen. Was im Titelsong mit einem Saxophon und dem Heulen des nordischen Windes beginnt, endet im sacht flirrenden „Ørten“ mit zartem Vinylknistern.

Die Hauptthema von „Ubevegelige“ (Unbeweglich) wurde durch die Manipulation von Vogelstimmen erzielt. Kaum auszumachen, welche Klänge von den Tieren und welche von Blasinstrumenten stammen. Bei der Findung der – erstmals norwegischen – Songtitel arbeitete Tortusa mit dem Dichter Erlend Wichne zusammen. „Es ist ein sehr intimes Album, daher wollte, dass das Norwegische eine persönliche Note hinzufügt. Ich wollte, dass die Titel eine Geschichte erzählen – aber nur Teile davon, damit der Hörer sie selbst deuten kann.“

Wer mag, kann hier Oneohtrix Point Never, Brian Eno, aber auch Landsmänner wie Jan Bang oder Nils Petter Molvær heraushören. Doch „Bre“ ist ein Unikat. So klingt nur Tortusa.