TOM SCHILLING - DIE ANDERE SEITE

Nichts ist gefährlicher als die eigenen Gedanken. Manchmal kriechen sie aus der tiefsten Narbe der Seele hervor, werden zu Musik, finden eine Stimme, lassen ihre Krallen von einem metallisch klingenden Feedback schärfen, folgen einem stoischen, mechanischen Takt, flüstern erst: „Ich bin die Leere, die dich quält / Ich bin das Andere, das dir fehlt / Ich bin der dunkle, verlassene Ort.“ Sie werden bedrohlicher, geständig, unverfroren: „Ich bin das falsche, boshafte Wort“,knurren sie, „das Rufen aus dem Wald“, das „Schreien aus der Wiege“.Die Musik, die sie begleitet, wird dunkler, grimmiger, lauter, bis sich all diese abgründigen Gedanken in einem gellenden Schrei entladen. „Komm, tanz mit mir!“ brüllen sie, bis man am Boden liegt, und in den letzten Sekunden von „Das Lied vom Ich“ noch die grausame Pointe hören muss: „Erkennst du mich? Ich bin dein Ich.

Man hatte es ja schon am Cover-Artwork der Berliner Künstlerin Natalie Huth erkannt und weiß es todsicher nach den ersten paar Liedern: „Epithymia“, das neue Album von Die Andere Seite, ist eine faszinierende, aber keine fröhliche Angelegenheit. Die zehn Songs lassen einen schnell an Referenzen mit klangvollen Namen denken. „Das Lied vom Ich“ zum Beispiel ist abgründig und hypnotisch, die Percussions und die Gitarren entwickeln eine ähnliche Dynamik, wie sie Michael Gira mit seiner Band Swans zelebriert. „Aljoscha“ wiederum ist eine reine Folkballade, bei der das leichte, schöne Spiel der Gitarre das Drama um Aljoschas Kindheit ohne Liebe ein wenig erträglicher macht. Hier hört man raus, was Tom Schilling – Sänger, Texter und Songwriter der Band – schon vor einigen Jahren in einem Interview sagte: „Mir sind einfach strukturierte Songs nah – russische Volkslieder zum Beispiel oder Stücke von Hank Williams und Bob Dylan.“ „Die Königin“ klingt eingängig, aber auch dunkel, setzt auf ein Klavier in Moll und Interpol-Gitarren. „Gera“ ist eine Velvet-Underground-Hommage mit Ansage, „Bitter & Süß“ setzt auf schleppende Drums und diese leicht bluesigen, zugleich grollenden und wunderschönen Gitarren, die viele Stücke der Band Madrugada auszeichnen. „Heller Schein“ wiederum begann als Verneigung vor Franz Schubert, für dessen Musik Schilling eine tiefe Liebe und Faszination verspürt. Die „Ballade vom Eisenofen“ – eine moderne Gebrüder-Grimm-Interpretation – lässt in den letzten Minuten des Albums noch einmal das ganz große Drama zu, schraubt sich zu lärmenden Momenten hoch, bei denen man sich eine nebelverwehte Bühne in einem alten Theater wünscht und einen Tom Schilling, der wie ein diabolischer Märchenerzähler im grellen Licht eines Scheinwerfers mit ausgebreiteten Armen diese dunkle Geschichte von Narzissmus und Einsamkeit wehklagt. Dass sein „Lied vom Ich“ die Platte eröffnet, war für Tom Schilling dabei von Anfang an klar: „Die Sätze wirken, als kämen sie aus dem Unterbewusstsein und bahnen sich, langsam lauter werdend, den Weg ins Bewusstsein. So ist auch die Musik gedacht. Erst flüstert alles, als kämen die Stimme und die Musik aus einem Gefängnis, dann wird es immer zwingender, bis sich die ganze Wut und Ohnmacht in diesem Schrei entladen. Der Song funktioniert wie eine Psychoanalyse – und bringt das Thema der Platte vielleicht am besten auf den Punkt.“ Das Thema von „Epithymia“ – das wissen die Expertinnen der griechischen Mythologie vielleicht schon – ist nämlich „die Sehnsucht und das unstillbare Verlangen.“

Aber dazu später mehr. Da war doch noch was: Hatte man nicht gerade einen Namen gelesen, bei dem man irgendwie stutzte? Ja. Genau. „Epithymia“ von Die Andere Seite ist zwar das erste Album der Band dieses Namens – aber es ist mitnichten ein Debüt. 2015 und die Jahre danach musizierte man noch als Tom Schilling & The Jazz Kids und veröffentlichte das sehr gute „Vilnius“. Das zeigte mit Songs wie „Ballade von René“ und „Kein Liebeslied“ schon recht deutlich, dass man es nicht unter „singender Schauspieler“ verbuchen konnte – sondern als starkes Debüt eines leidenschaftlichen Musikers, der eben auch vor der Kamera steht. Die Besetzung ist bei Die Andere Seite weitestgehend gleichgeblieben, wobei der Gitarrist Charis Karantzasneu hinzukam. Auch Moses Schneider, der schon „Vilnius“ produzierte, ist wieder dabei. Trotzdem heißt man nun Die Andere Seite – und schlägt ein neues Kapitel auf. „Für mich war schon früh klar, dass ich nicht mehr Tom Schilling heißen wollte. Ich fühle mich einfach unwohl, wenn mein Name auf einem Album oder einem Tourposter steht. Trotzdem war es ein langer Entscheidungsprozess, weil mir viele Leute sagten: ‚Mein Gott, das sind so verdammt persönliche Stücke, dann steh doch dazu!‘ Das mag wohl stimmen und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – gibt es den gewaltigen Wunsch, hinter Rollen und Namen zu verschwinden. Es ist ein bisschen paradox, aber ich glaube, meine künstlerische Kraft entsteht genau aus diesem merkwürdigen Nebeneinander von Intimität und Unnahbarkeit.“ Das sei für ihn auch eine Bedeutungsebene des Namens Die Andere Seite.

Ironischerweise erfolgt diese Umbenennung zu einem Zeitpunkt, an dem Tom sagen kann: „Der Unterschied zu ‚Vilnius‘ ist vielleicht auch, dass ich selbstbewusster geworden bin in dem, was ich tue. Und die Band mir mehr vertraut.“ Normale Künstler hätten es vermutlich eher so gemacht, dass sie nach so einer Erkenntnis NUR noch ihren Namen auf die Alben schreiben – aber eben nicht Tom Schilling. Außerdem passt ein neuer, nach Tod und Sehnsucht schmeckender Name zu diesen zehn Liedern, deren Klangfarbe bedeutend düsterer ist als noch auf „Vilnius“. Man höre nur das fantastische getextete „Die Weide“, in dem Schilling lyrisch ein Menschenleben durchschreitet, immer in der Nähe der namensgebenden Weide im Garten. Zu Beginn heißt es: „Ich wünsch’ mir ein Haus – auf dem Land, nicht zu groß / Eine Weide dahinter, inmitten von Moos / Im Haus ein paar Bücher, ein Bild, ein Klavier / Auf dem Kissen im Bett ein Abdruck von dir.“So weit, so bürgerlich, aber dann kriechen Vergänglichkeit, unerfüllte Sehnsucht und Tod ins Moos und ins Geäst der Weide. „Ich will keine Angst vor dem Tod / und nicht vor dem Leben. / Will frei sein, allein sein, und dir trotzdem was geben. / Will Exzess ohne Schuld / Und so weiß wie das Licht / Und kein Blut und kein Blues / Wenn der Tag anbricht.Zum Ende – des Liedes und des Protagonisten – singt Tom Schilling schließlich: „Und wenn ich mal sterbe / und ich noch nicht will, / sprich meinen Namen / und bin ich dann still, / dann legt mich hinein / in den warmen Schoss / dort draußen im Moos.

Eine Erkenntnis, die man nicht verdrängen kann: All diese Dinge – die große Liebe des Lebens, die wachsende Familie, der Heimathafen mit Garten – führen trotzdem unweigerlich zum Tod. Tom Schilling grinst ein wenig melancholisch, als er die nächsten Sätze sagt: „Mir gefällt natürlich auch, dass ‚Die Andere Seite‘ eine Metapher für den Tod ist. Das passt gut zu einem Sehnsuchts-Album. Wenn man dieses unstillbare Gefühl in sich trägt, erlebt man vieles intensiver, aber man fühlt sich oft auch fremd und heimatlos in dieser Welt. Ich habe mich oft gefragt, ob dieses Sehnen durch frühkindliche Prägung entsteht, oder einem das einfach durch eine höhere Macht mitgegeben wird. Ich habe darauf keine Antwort. Ich weiß nur, dass der Kern meiner Sehnsucht, letztlich der Wunsch nach innerem Frieden ist. Nach dem Ankommen. Dem Nichts. Zu Ende gedacht also vielleicht die Sehnsucht nach dem Tod.“ Es hilft, dass Tom Schilling über diese Gedanken mit einer hörbaren Euphorie für sein Musikmachen spricht. Und klarstellt: „Man sollte auf dem Album nicht 1:1 denken, dass alles autobiografisch ist. Aber, so viel kann ich schon sagen: Als ich diese Lieder 2019 schrieb, ging es mir nicht  besonders gut.“ Wieder eine bittere Ironie, dass es für manche Menschen Sinnkrisen und depressive Phasen braucht, um daraus Musik zu machen, die einen mit Stolz und Euphorie erfüllt.

Das manifestiert sich zum Beispiel in einem Song wie „Gera“, dessen Velvet Underground Vibes Tom Schilling gar nicht abstreiten will. Das sollte so. Das Lied ist nicht bloß Abgesang einer „einst stolzen Stadt“, sondern auch ein grimmiger Blick aus einer besonders düsteren Gemütslage heraus. Schilling war tatsächlich beruflich in Gera – in jener Zeit, über die er sagte, dass es ihm „nicht besonders gut“ ginge – und erlebte „die Energie dieser Stadt so dermaßen bedrückend. Gut, das war vielleicht von meiner Stimmung abhängig. Aber diese Bilder, die ich da beschreibe, die habe ich genauso so gesehen.“ Bilder wie dieses: „Die Stille durchdringt, gedämpftes Klagen / Im Schein der Laterne ein einzelner Wagen / Ans Fenster gepresst – ein Kindergesicht / Es sucht nach den Eltern und findet sie nicht.“ Schilling erzählt: „Ich bin dann in so eine Eckkneipe und habe gefragt, ob jemand weiß, wem das Auto gehört, da seien weinende Kinder drin,die nach ihren Eltern rufen. Und dann kam so ein liebloses: ‚Ja, ja. Wissen wir. Wir kommen schon gleich wieder.‘“ Er habe erst überlegt, ob er es wirklich „Gera“ nennen sollte, er wollte ja nicht die ganze Stadt abwatschen, aber dann dachte er sich: „Es ist nur ehrlich. Das waren dunkle Stunden, die für mich nun mal mit der Stadt verbunden sind – und von ihr befeuert wurden.“

Eines der schönsten Stücke auf „Epithymia“ hat zumindest im Titel einen Lichtblick. Es heißt „Heller Schein“ und zeigt sehr gut, wie dieser poetische, zeitlose Schilling-Sound in Wort und Klang zustande kommt. Es mag im Grunde Songwriter- oder gar Pop-Musik in Matt-Schwarz sein, aber Schillings Einflüsse reichen weiter zurück. „Heller Schein“ sei – wie viele seiner Songs – erst einmal ein Klavierstück gewesen. Inspiriert von einem Komponisten und Musiker, der gerade unter deutschsprachigen Songwriterin ein Revival zu feiern scheint, obwohl er am 31. Jänner 1797 in Österreich das Licht der Welt erblickte und nur 31 Jahre alt wurde: Franz Schubert. Hier gerät Tom Schilling geradezu ins Schwärmen: „Seine Musik trifft mein Innerstes. Ich ziehe eh viel aus trauriger Musik. Und Schubert ist auf diesem Gebiet der König. Bei mir geht das direkt ins Herz. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht, weil er auch dieser Sehnsuchts-Komponist der Romantik war. Diese Todessehnsucht, die in seinen Liedern mitschwingt, oder dieses Gefühl, der Welt abhandengekommen zu sein – das bewegt mich, weil es die Themen sind, die mich umtreiben.“ Er habe sogar ein Album mit modernen Schubert-Interpretationen machen wollen, aber da sind ihm dann ja Gisbert zu Knyphausen und Kai Schumacher zuvorgekommen: „Das hat mir die Schuhe ausgezogen. Und dann ist es auch noch so verdammt gut. Da war die Idee für mich natürlich verbrannt.“ Schillings „Heller Schein“ sei nun vor allem von einem Stück aus dem Zyklus „Die schöne Müllerin“ namens „Trockne Blumen“ inspiriert. „Das hat so eine sehr einfache, Schubert-hafte Melodie, die mich zerreißt. Die Anfangsstrophe hat meinen Song dann in Gang gebracht.“ Bei Schubert heißt es: „Ihr Blümlein alle / Die sie mir gab / Euch soll man legen / Mit mir in's Grab“. Daran angelehnt, dichtet Schilling: „Jede Blume, die ich dir nicht gab / Jedes Wort, das ich nicht sprach / Liegt unvergessen hinter den Augen / Und bist du mir lieb, zählst du nicht nach.Bei Die Andere Seite wird aus dem Lied über unerwiderte Liebe, die den Enttäuschten ins Grab bringt, aber etwas anderes: „Das Liedhafte von Schubert habe ich bewahrt, aber die Geschichte hat sich bei mir in eine ganz andere Richtung entwickelt – im Kern geht es, wie so oft bei mir, um Narzissmus. Und die manipulativen Kräfte, die er freisetzt. Und den Schaden, den sie anrichten können, wenn sie auf ahnungslose Menschen treffen. Im Grunde, geht es also um Gaslighting,das Lieblingswerkzeug des Narzissten.“ Tom Schilling braucht für dieses musikalische Drama gerade mal drei Strophen und einen Refrain.

Spätestens hier muss man kurz innehalten, um sich und ihn zu fragen, wo das eigentlich herkommt: Dieses Sichere in der Sprache. Dieser intuitive Umgang mit Worten, die trotz der oft besungenen Themen wie Liebe, Tod und Sehnsucht niemals in die Klischeeklippen krachen. Ob es daran liegen könnte, dass er als Schauspieler eben auch ein intuitives Gespür für gelungene Texte hat? Immerhin hat er ja ein gutes Händchen für Filme und neuerdings auch Serien, die mit sehr gelungenen Drehbüchern gesegnet sind. Tom Schilling überlegt kurz und sagt dann: „Ja. Das kommt bestimmt daher. Schon mit zwölf habe ich angefangen, mich am Theater mit oft sehr guten Texten auseinanderzusetzen. Als Jugendlicher habe ich gerade so verstanden, worum es ging. Die sprachlichen Bilder und Metaphern, die Meta-Ebenen habe ich nicht gecheckt. Und trotzdem glaube ich, dass diese totale Überforderung eine super Schule für mich war. Theater und Literatur haben meinen Geschmack in Sachen Songwriting definitiv mehr geprägt als zeitgenössische, deutsche Popmusik. Obwohl ich bei so Leuten wie Faber und auch Gisbert zu Knyphausen schon eine gewisse Verwandtschaft spüre – oder vielmehr oft denke: ‚Verdammt, den Song hätte ich gerne geschrieben!‘“.

„Epithymia“ ist ein besonderes, ein intensives, ein herausforderndes Album. Was nicht nur für die Musik gilt. Denn für das Artwork fand Tom Schilling eine Künstlerin, die seiner Arbeit und seinen Gedanken sehr nahe steht. Natalie Huth, die aus alten Zeitschriften, Zeitungen und Fotografien dunkle, mal Angst einflößende, mal romantische Collagen fertigt, hat nicht nur das Album-Cover gestaltet – sie wird auch die Singles bebildern und die Live-Premiere von „Epithymia“ mit einer Ausstellung begleiten. Sie sagt – und liegt damit sehr nah an Schillings Intentionen: „Wenn ich mir das Album anhöre und den Bogen zu meinen Arbeiten schlage, steht es für eine unstillbare Sehnsucht, die vielerlei Gesichter haben kann. Und es steht für mich auch für das Verzweifeln an der Unmöglichkeit, dieses Sehnen zu befriedigen. ‚Die Andere Seite‘ ist für mich die dunkle Seite. Die verborgene, verdrängte, unheimliche, ignorierte, schmerzende, unangenehme Seite, die an die Oberfläche drängt, weil sie gesehen werden will.“ Und damit wären wir wieder beim „Lied vom Ich“ – mit dessen Lehre diese Reise ihren Anfang nahm: Nichts ist gefährlicher als die eigenen Gedanken. Außer vielleicht die Sehnsucht, die diese befeuert. Tom Schilling kann genau davon gleich zehn Lieder singen. Die einen lange nicht loslassen. Vielleicht tatsächlich erst, wenn man sich selbst, hoffentlich friedlich, ins Moos legen lässt.

Daniel Koch (Diffus Magazin, Musikexpress)

Info

DIE ANDERE SEITE "Epithymia" 

VÖ: 22.04.2022 via Virgin Music

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