Kasabians Serge Pizzorno Solo Debüt Album "THE S.L.P.!

"The S.L.P." erscheint am 30.08. via Columbia Records!

„Die Sache ist die”, erklärt Sergio Pizzorno, „eigentlich hatte ich gar nicht vor, ein Album wie ‚S.L.P.‘ zu machen“. Nach dem Ende der Kasabian-Tour in Folge der Veröffentlichung des fünften UK-Nummer-Eins-Albums in Folge, „For Crying Out Loud“, fand er jedoch immer mehr Gefallen an dem Gedanken an eine Solo-Platte. „Ich habe seit 2004 alle paar Jahre ein Kasabian-Album gemacht, ich habe meine Standard-Prozeduren und meine bevorzugten Arbeitsweisen. Und ich hatte das Gefühl, dass ich einen Reset brauche, so dass ich auch das nächste Kasabian-Album mit einer ganz neuen Perspektive angehen kann“.   

Nichtsdestotrotz ging er davon aus, dass sein Album klingen würde wie… na eben wie man annimmt, dass ein Serge Pizzorno-Album so klingt. Der 38-Jährige ist schließlich nicht nur bekannt als Haupt-Songwriter von Kasabian, sondern auch als ein Mann, der sich vorgenommen hat, esoterische Einflüsse – von MF Doom über Bulgarische Psychedelia bis hin zu Avantgarde-Electronica – in den musikalischen Gesamtrahmen einer stadionfüllenden Mainstream-Rockband zu integrieren. Ein Solo-Album, so könnte man vermuten, böte Pizzorno die Chance, sich einmal richtig auszuspinnen, ohne einen Gedanken an die Eignung für Festival-Headliner-Auftritte verschwenden zu müssen.   

„All das musste ich nicht im Hinterkopf haben”, nickt er. „Nicht immer denken zu müssen: ‚Ich brauche eine Single‘, war sehr befreiend. Was den Gesang angeht, konnte ich machen, was ich wollte, weder hinsichtlich Klangfarbe noch Charakter. Ich hatte die Möglichkeit, verschiedene Bereiche meiner eigenen Persönlichkeit auszuloten, die ich dann einfach ein wenig betonte. Anfangs dachte ich, dass ich wesentlich experimenteller und unkonventioneller sein würde, u.a. was die Länge der Songs angeht – dass ich mehr auf diese Sci-Fi, Krautrock-Schiene gehe. Was allerdings wirklich passiert war, dass ich sehr viel Tyler, The Creator und Mac Miller hörte. Ich war in dieser Welt. Ich entledigte mich aller meiner Synthesizer und Gitarren, nahm meine Smartphones und meinen Laptop und suchte mir Sounds heraus. Und das, was dabei herauskam, fühlte sich meiner Meinung nach genau richtig an. Auf gewisse Art und Weise ist das ein wesentlich psychedelischerer Schritt als das Album aufzunehmen, das ich selbst erwartet hatte.“

Er ertappte sich dabei, wie er Songs schrieb, die ganz anders waren, als er sich es zu Beginn des Songwritings vorgestellt hatte. „Auf dem Album ist ein Track mit dem Titel ‚Trance‘, ein Liebeslied mit einem End-of-the-night/sun-going-down-Vibe, ein wunderschöner Moment. Es hat etwas von ‚French Sophistication‘, aber der Schluss ist sehr bombastisch, euphorisch und hymnisch. Der Song lullt dich ein. Er will zwar nicht wirklich eine Hymne sein, das war nicht das Ziel, aber irgendwie dachte ich am Ende: ‘Das ist groß’. Ich mag es, wenn Lieder eine krasse Wendung nehmen, wenn die Leute schon denken: ‚ok, ich hab’s verstanden‘ und dann wird der Song zu etwas ganz anderem. Das ist die Sache mit diesem Album, es führt dich an viele verschiedene Orte.”      

Das tut es ganz zweifellos. Man kann man Fug Und Recht behaupten, dass „S.L.P.“ ein Album ist, dass keiner erwarten konnte: ein faszinierendes, beispielloses Split-Album aus filmischen Instrumentals – ganz hörbar inspiriert von Roy Budds legendärem Soundtrack zum 1971er-Gangsterfilm „Get Carter“ – und hochmelodischen Songs, die von HipHop und Grime beeinflusst sind. Erstere dümpelten auf Pizzornos Rechner als Überbleibsel eines Soundtracks herum, mit dem er vor ein paar Jahren beauftragt worden war. Der Film wurde nie veröffentlicht, aber die Musik war einfach zu atmosphärisch und zu fesselnd, um sie einem Schicksal in völliger Anonymität zu überlassen. „Das hat mir wirklich großen Spaß gemacht“, sagt Pizzorno. „Der Regisseur hat mir einen riesigen Vertrauensvorschuss entgegengebracht, denn ich wusste ja nicht wirklich, was ich da tue. Auf dem Album übernehmen drei Stücke nun die Rolle von Start, Mittelteil und Ende. Es sind drei Noten, die sich durch alle diese Stücke ziehen, sie rufen dir das Thema immer wieder in Erinnerung und du bist wieder quasi ‚zurück im Film‘. Ich mag es bei einem Album, wenn man in eine Welt fallen gelassen wird und irgendwann merkt:   ‚Okay, ich bin hier‘. Die Stücke haben dem ganzen Album eine Struktur gegeben. Es ist fast wie ein Selbstporträt, das zeigt, wo ich gerade bin. Ich beschreite all die Wege, die ich schon immer beschreiten wollte und probiere Dinge aus, die ich noch nie zuvor versucht habe. Die Musikstücke heißen ‚Meanwhile…:‘, ‚Meanwhile… Genoa’, ‘Meanwhile… Welcome Break’, ‘Meanwhile… ????’, Ich mochte einfach die Idee, dass wie in einem Cartoon ist: ‚Währenddessen in der Bat-Höhle…‘. Die Menschen sehen mich in einer Band und denken: das ist, was er macht und so ist er also. Das ‚meanwhile‘ soll also andeuten, dass ich eigentlich ein komplett anderer bin und etwas völlig anderes mache. Zwischen diesen Stücken geht es nur ums Ausprobieren, alles Aufdrehen und schauen, wo es einen hinführt. Ich habe mit meinem Gesang experimentiert, mit verschiedenen Rhythmen und mit Sachen, die ich schon immer ausprobieren wollte.“   

So wie z.B. das verzerrt-chaotische „Soldiers” oder der Dubbed-Out-Psych-Funk-New Wave-Hybrid „The Wu“. Oder „Lockdown“ - der Song handelt von einer Situation, wenn „du irgendwann am Ende der Nacht mit einer Gruppe von Leuten in einer Wohnung landest und man weiß, dass man eigentlich nicht dort sein sollte“. („Das enthält eine FIFA 94-Referenz“, lacht Serge, „denn immer, wenn man an einem solchen Ort ist, geht etwas Eigentümliches vor sich, irgendein Typ sitzt irgendwo in der Ecke und spielt ein komisches, altes Computerspiel oder kaut auf einem Hundekauspielzeug herum oder irgend so ein Quatsch.“) Der Track „Nobody Else“, eine Mischung aus Klavierballade und sonnendurchflutetem Balearic House, bringt den auf „S.L.P.“ vorherrschenden Wir-werfen-alle-Vorschriften-über-Bord-Forschergeist auf den Punkt. „Ich begann damit, Jazz-Akkorde zu lernen“, erklärt Pizzorno. „Ich probierte damit herum und wollte etwas mit einem Marvin Gaye- oder Steve Wonder-Vibe machen. Diese unschuldige Herangehensweise, wenn man nur Erforschen und Experimentieren möchte, aber auch immer denkt ‚ist das wirklich noch okay?‘. Wenn du dir diese Frage stellst, bist du vermutlich auf dem richtigen Weg, denn das bedeutet, dass du etwas Interessantes machst. So wie das Albumcover. Ich habe dieses verrückte Glitzer-Make-Up, das über mein ganzes Gesicht verteilt ist, so wie man es vielleicht als Kind machen würde. Es erinnert einen daran, wie wichtig Spielen ist.”

Dann gibt es noch ein Stück mit dem neugierig machenden Titel „Youngest Gary”. „Der stammt von einem Freund, der mir sagte, dass der jüngste Gary in ganz Großbritannien 28 Jahre alt sei. Heute heißt niemand mehr Gary und deshalb ist der jüngste Gary in Großbritannien 28. Das ist natürlich kompletter Schwachsinn, aber mir gefiel es, ich schrieb es auf und daraus wurde diese Geschichte über einen Ziggy Stardust-artigen Charakter, der aber Gary heißt. Er ist nach London gezogen, läuft umher, als letzter seiner Art, der letzte Gary von Großbritannien. Ich mag einfach die Vorstellung, dass die Leute den Titel sehen und denken: ‚So kann man doch kein Lied nennen‘, doch dann kann man diese beknackte Entstehungsgeschichte erzählen, wie es dazu kam.“

Und dann wären da die musikalischen Gäste. Nach einer Begegnung mit dem Rapper slowthai bei einer seiner Shows in Birmingham im vergangenen Jahr verpflichtet er Tyron als Featured Artist für das nebulöse Stück „Meanwhile… At The Welcome Break“. Die Single „Favourites” enthält einen Gastauftritt der heißesten Rapperin des Vereinten Königreichs, Little Simz. Zusammen machen sich die beiden im Songtext Gedanken über das Thema Tinder-Dating und „Identität im Digital-Zeitalter, in dem Menschen vorgeben, jemand anderes zu sein und dieser jemand sorgt dafür, dass wir uns immer weiter von jener Person entfernen, die wir wirklich sind.“

„Meine Frau und ich haben diese Mädchen gesehen, wie sie durch ihre Handies wischen und sich ihr Dates aussuchen“, erklärt Pizzorno. „Der Gedanke an eine Welt, in der nichts mehr echt ist und in der man zu keinem Zeitpunkt wirklich man selbst ist. Denn es geht nur darum, ein Bild von sich zu projizieren, dieses Ideal, das nicht wirklich existiert. Dann kann man einer Person nicht wirklich sagen, was man eigentlich sagen will, denn sie denkt, ich bin wie mein Social-Media-Profil, und mein Profil sagt, ich bin nett und arty. Daher kommt die Songzeile: ‘There’s a discrepancy in the bill!’ Little Simz kam ins Studio und machte die Aufnahmen ungelogen innerhalb von nur zwei Stunden. Sie ist dermaßen professionell, einfach nur großartig. Sie hat mich total umgehauen. Das ist etwas, was ich schon immer machen wollte, zusammen mit HipHop- oder Grime-Artists Musik machen. Es gibt gerade ein großes Crossover hinsichtlich der Produktion dieser Art von Musik, wie weird alles wird. Es geht in die Richtung, wo ich auch mal war: verrückte Songs, die sich nach der Hälfte in etwas völlig anderes verwandeln, mit kleinen, seltsamen Geräuschen. Ich denke, ich will mehr solche Sachen machen, auch wenn die Leute das nicht von mir erwarten und gar nicht für möglich halten.“    

Es ist auch die Richtung, in der sich das S.L.P.-Projekt in Zukunft weiterentwickeln soll. Er arbeitet an Plänen für S.L.P.-Liveshows, wo er die Songs in einer Art Rolle spielen wird: „Jeder Song wird dann ein Teil meines Bühnencharakters, ich schlüpfe ganz in diese Rolle“. Und er will mehr Musik unter dem S.L.P.-Banner machen. „Es existiert jetzt und das ist wirklich aufregend, denn ich habe dieses Outlet und ich kann diese Person in dieser Welt sein. In Zukunft will ich allerdings mehr Kollaborationen machen und diese Tür noch mehr öffnen. Das S.L.P.-Projekt wird ein Ort werden, den ich immer aufsuchen kann und an dem ich machen kann, was ich will. Es ist so wichtig, so etwas zu haben. Mein Leben in der Band und meine Jungs, das ist ein Teil von mir und das wird auch immer so sein. Aber dann gibt es noch diese anderen Sachen, die ich loswerden muss, denn sonst werde ich nicht in der Lage sein, mich weiter zu entwickeln.“

Was nun die Frage aufwirft: was hält die Band und seine Jungs von all dem?

„Das war eigentlich sehr schön“, sagt er. „Vor dem Ende der letzten Tour sprach ich mit Tom und er war, wie immer, super-positiv: ‚Yeah, ich kann’s nicht erwarten. Mach das, Mann, Wahnsinn, Wahnsinn‘“. Und dann sagte er: „Moment mal, du machst aber dann immer noch mit Kasabian weiter, oder?‘. Ich sagte ihm, dass er sich keine Sorgen machen soll. Ich habe quasi schon mit der Arbeit am neuen Kasabian-Album angefangen.“

Moment – Serge Pizzorno veröffentlichst ein Solo-Album und plant eine Reihe von Solo-Gigs, während er ein neues Kasabian-Album macht?

„Ja”, schmunzelt er. „Zum Glück mag ich das genau so, und das einfach das, was ich tue. Musik zu machen ist für mich wie Freizeit. Man kommt an einen bestimmten Punkt, an dem man irgendwie alles gesehen hat und du weißt, wie die Sachen funktionieren und dir…“, er fängt an zu flüstern… „ist das alles einfach nur scheißegal“. Er lacht. „Das einzige, was du denkst, ist: ich liebe es, Musik zu machen. Also, bang, mache ich einfach Musik.”