Tara Nome Doyle „Alchemy“

VÖ: 24.01.2020 (Martin Hossbach/ Kompakt)

Sie hat bei Kat Frankie gespielt, mit Max Rieger von der Band Die Nerven musiziert und für den Soundtrack des Films „Golden Twenties“ gesungen. Ihre erste EP, „Dandelion“, wurde seit Herbst 2018 mehr als eine Million Mal gestreamt. Und jetzt veröffentlicht sie ihr Debut: „Alchemy“. Sie ist jung und auf den ersten Blick etwas mysteriös, wie der Albumtitel. Aber das täuscht, denn bei ihr ist alles auch sehr konkret: „Alchemy“ behandelt in jeweils zwei Songs die vier Entwicklungspha- sen aus der vormodernen Naturphilosophie, der Alchemie, wie sie im 20. Jahrhundert in der Traumpsychologie von C.G. Jung wiederkehrt. Diese Sängerin, Komponistin und Pianistin durch- schreitet ein ganzes Leben in einer guten halben Stunde. Dabei ist sie erst 22 Jahre alt, aber von großer, sanft vorgetragener Entschlossenheit – in der Musik, auf der Bühne, im Gespräch. Hier ist sie: Tara Nome Doyle!

Eine Filmszene war ein Schlüsselpunkt in ihrer Entwicklung: im Biopic „Love & Mercy“, hat sie den alten Brian Wilson, den Kopf der Beach Boys (gespielt von John Cusack) gesehen. Sie sagt: „Wie Wilson selbst als medikamentöses Wrack auch im Alter noch am Flügel sitzt, das hat eine große Würde. In diesem Moment wusste ich, später möchte ich auf ein Leben mit Musik zurück blicken. Also bin ich es mir schuldig, das zu probieren.“ Tara Nome Doyle ist eine unzeitgemäße Künstlerin, wie sie jede Gegenwart braucht, aber selten hergibt.

Geboren ist sie in Berlin-Kreuzberg, ihre Eltern kommen aus Irland und Norwegen und sie spricht (und singt) die Sprachen akzentfrei. Man glaubt, den biografischen Hintergrund dieser unterschiedlichen Landschaften in ihrer Kunst wieder zu erkennen; die gespeicherte Hitze und der Nebel aus den irischen Torfmooren, das Magische aus den norwegischen Fabelwäldern.

Die Tempi bewegen sich in der Mitte, die Erde dampft: Ihre Musik kennt keine Beiläufigkeit. Und doch ist da immer diese Stimme, die aus den Wipfeln zu klingen scheint. Von dort, wo die Freiheit lockt. Tara Nome Doyle erlöst diese Spannung nie ganz. Ob sie in „Heathens“ aufbricht zur Reise ins Ungewisse und den Glauben an das Alte aufgibt, ob in „Natural Order“ der Selbstfindungsprozess langsam in Gang kommt, ob in „Transmutation“ bereits das Neue aufscheint und in „The One“ schließlich umarmt wird: Die Musik versprüht eine Atmosphäre zwischen Trauer und Freude, Gefahr und Gewinn, von Schwere und Leichtigkeit.

Das Selbstbewusstsein hat Tara Nome Doyle wohl aus Berlin, wenn die Künstlerin einen Vertrag zurückgibt mit dem freundlichen Hinweis, ihn bitte gendergerecht zu verfassen. Sie tritt einem höflich, achtsam und direkt, aber völlig uneitel entgegen. Mit einem Wort: großstädtisch. „Alchemy“ ist trotz der Naturbilder und der Naturphilosophie, die mitlaufen, ein städtisches Album. Es ist bis zum Platzen persönlich, weil diese Kunst aus der Mitte der Unruhe kommt. Aber „Alchemy“ überwindet die Privatheit stets spielerisch (wie jede gute Kunst).

Die Musik ist auch ihr Mittel, die Perspektive aus dem Inneren in die Welt zu schwenken. Dort sitzt das Publikum, nach wie vor eine Herausforderung für die Sängerin. Sie sagt mit 16 habe sie das Zimmer nicht mehr verlassen können. „Wer mir half: Kanye West mit seinem Album „My Beautiful Dark Twisted Fantasy!“. Danach konnte ich wieder auf den Markt, etwas einkaufen.” Heute meditiert sie täglich. Sie beschäftigt sich mit Achtsamkeit - „deshalb bin ich auf die Alchemie und auch C.G. Jung gestoßen.“ Aber wichtiger als die individuelle Geschichte und ihr psychologisches Motiv ist der Vorgang der Überwindung, die Arbeit an diesem Schwenk zum Publikum. Dieser Widerstand bleibt hörbar: nicht als Last, sondern als Lust, diese Grenze zu überschreiten. Und als Freude, sie auch handwerklich überschreiten zu können.

Ihr Handwerk zeigt sich in ihren Kompositionen und im Spiel mit der Stimme. Ihre Virtuosität wird deutlich, wo sie die Silben rhythmisch ungewöhnlich verteilt und eigensinnig phrasiert. In der Strophe von „Mercury“ oder kurz vor dem Refrain von „Neon Woods“, wenn die „nocturnal needs“ in langsamen Vierteltriolen hinken, als wäre die nächtliche Bedürfnisse abgehangene Erinnerungen an die Routinen der Großstadt. Und erst jetzt, für die letzte Minute des gut dreiminütigen Songs, setzt ein leicht verzerrtes Schlagzeug ein. Eine Wahnsinnsnummer, die den Wahn auf Distanz hält.

Alle Lieder stammen von Tara Nome Doyle. Für das Arrangement von „Neon Woods“ hat sie mit Max Rieger (Die Nerven) zusammengearbeitet. Produziert hat das Album David Specht von Isolation Berlin. Es sind Innenräume, die wir hören sollen - akustisch, aber auch thematisch. Die Drums klingen eher nach einem Klopfen an der Fensterscheibe als nach dem Stadtlärm vor der Tür, die Gitarre regelt die Harmonie und nicht die Starkstromzufuhr. Das erste Instrument aber bleibt diese Stimme, die immerzu arbeitet und unbeirrt einen Weg sucht. Nach innen, nach außen.

Doch von Samtpfotigkeit ist „Alchemy“ weit entfernt. Wenig ist so schwer, wie mit Pausen zu arbeiten und in der Langsamkeit die Intensität zu entwickeln. Und wenn ein Stück den Kontrollverlust feiert, wie in „Transmutation“, geht Tara Nome Doyle an die Grenzen der Stimme, während die gedämpfte Snaretrommel wie ein Gewitter heranrollt.

Dieses Debütalbum lässt sich lesen wie das Selbstporträt einer jungen Künstlerin, die aufbricht und das auch weiß. Erleben und Reflektieren sind eng umschlungen - das ist so schön wie bedrohlich. Tara Nome Doyle schickt uns neun Lieder aus diesem Zustand, für den das Leben oft nicht genug Zeit lässt.

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