TARA NOME DOYLE

NEUES ALBUM »VÆRMIN« VIA MODERN RECORDINGS / BMG RIGHTS MANAGEMENT AM 28.01.2022

Die schönsten und schroffsten, süßesten und schmerzvollsten Lieder, die es im Pop gegenwärtig zu hören gibt, stammen von Tara Nome Doyle. Die 24-jährige Künstlerin aus Berlin-Kreuzberg mit irischen und norwegischen Wurzeln ist eine der charismatischsten Stimmen ihrer Generation. Als im Herbst 2018 ihre erste EP »Dandelion« erschien, wurde sie millionenfach gestreamt, und danach hat Doyle eine erstaunliche Karriere gemacht. Sie hat bei Kat Frankie gespielt, mit Max Rieger von der Band Die Nerven musiziert und für den Soundtrack des Films »Golden Twenties« gesungen. Mit dem Piano-Avantgardisten Malakoff Kowalski hat sie das Lied »Bad Dreams« aufgenommen, und im Sommer 2021 erschien eine EP in Zusammenarbeit mit dem Neoklassik-Star Federico Albanese. Auch hatte sie einen Auftritt in der Netflix-USA-Produktion »Munich« von Christian Schwochow: In einer Szene spielt sie in einer Berliner Bar im Jahr 1938 das von ihr getextete und mit Isobel Waller-Bridge (»Emma«, »Fleabag«) komponierte »Du träumst«.

Ihr Debütalbum »Alchemy« erschien im Januar 2020 und die Kritik überschlug sich mit Superlativen. »Eine verblüffende Grandezza« attestierte ihr Spiegel Online, »als würde Kate Bush im Berghain Songs von Nick Cave singen!« In der Süddeutschen Zeitung stand, sie sei »eine Songwriterin, die ihre Stimme auskostet, wie man schon lange keine Sängerin mehr ihre Stimme hat auskosten hören!«

»Værmin« heißt ihr neues Langspielalbum, es ist das zweite nach dem gloriosen Debüt. Tara Nome Doyle hat es geschrieben und in musikalischer Zwiesprache mit dem Produzenten Simon Goff aufgenommen. Goff gewann 2020 für seine Arbeit mit der Cellistin und Komponistin Hildur Guðnadóttir an dem Soundtrack für die Serie »Chernobyl« einen Grammy. Auf »Væermin« spielt er Geige und Synthesizer und wirkte als Toningenieur und Produzent. Als weitere Gastmusiker*innen sind Tobias Humble (Gang of Four, Ghostpoet), Anne Müller (Nils Frahm, Ben Lukas Boysen) und Larry Mullins (Nick Cave, Iggy Pop) dabei.

Die musikalischen Leitinstrumente von Tara Nome Doyle sind das Klavier und die Stimme. Wobei sie ihre Stimme auf »Værmin« noch intensiver und wandlungsreicher einsetzt als zuvor. Sie wechselt in ihren Liedern zwischen einer engelsgleichen, manchmal kalkuliert übersüßten Kopfstimme - und einer rauen Bruststimme, in der sich die andere Seite ihrer Identität zeigt. Sie wechselt zwischen den Registern und den Tonarten, um ihr Selbst aufzuspalten und wieder zu versöhnen in der Unversöhntheit.

Die Lieder erzählen zunächst von einem Paar, das sich in Hingabe und Unterwerfung beschenkt und bedrängt und im Verlauf seiner Geschichte doch immer bitterer und unversöhnlicher wird. »Værmin« handelt davon, wie man trotz dieser Unversöhntheit zu leben versteht und vielleicht gerade in ihr die Verfassung des Lebens erkennt. Und die Verfassung der Liebe.

Wie auf »Alchemy« schon, war auch diesmal die Psychoanalyse von C.G. Jung eine leitende Inspiration für die Dichtung von Tara Nome Doyle: seine Theorie, dass die menschliche Identität in eine »Persona« und in einen »Schatten« zerfällt. Hier die helle und bewusste Seite der Psyche – dort, was uns unbewusst ist und was wir verdrängen, und was wir doch kennenlernen und verstehen müssen, um zu uns selber zu kommen. So ist es mit dem Ich wie mit der Liebe zu einem Menschen, den wir kennenlernen wollen, um ihm nah zu sein, aber den wir doch nie zur Gänze verstehen, weil er eben ein Anderer ist: Diese grundlegende Unbehaustheit des Menschen bringt Tara Nome Doyle in ihrer Musik zur Erscheinung, in ihren Texten - vor allem aber auch in der Art, wie sie ihre Stimme benutzt. Die Kopfstimme, die »Persona«, singt in hellem C-Dur; die Bruststimme, der Schatten, über melancholischem C-Moll; und am Ende, in dem überragenden, verstörenden, beglückenden Liederpaar »Vermin« (Ungeziefer) und »Vær min« (norwegisch für: sei mein) überlagern Dur und Moll sich in einer alles erklärenden und aufwühlenden Dissonanz.

Das Liebliche und das Raue, das Schöne und das vermeintlich Hässliche, das Bewusste und das Unterdrückte: Diese Gegensatzpaare variiert Tara Nome Doyle in vielfach verschränkter Form und erweitert das Motiv der Liebesgeschichte damit ins Psychologische und ins Politische.

Alle Stücke auf »Værmin« sind nach Tieren benannt, die – genau wie der »Schatten« – als »vermin«, als unerwünschte Schädlinge angesehen werden: »Leeches« (Blutegel), »Caterpillar« (Raupe), »Snail« (Schnecke), »Mosquito« (Mücke), »Crow« (Krähe), »Moth« (Motte), »Spider« (Spinne), »Worms« (Würmer). All diese Tiere werden als Ungeziefer abgetan und verdrängt, so wie wir die unterdrückten Teile unserer Psyche abzutun und zu verdrängen versuchen. Aber wenn man die vermeintlichen Schädlinge genau betrachtet, kann man in ihnen auch eine ungeheure, unerwartete Schönheit und Notwendigkeit entdecken. Diese bringt Tara Nome Doyle zu Gehör, und damit stellt sie in ihrer Kunst auch eine politische Frage: Was würde denn passieren, wenn wir das Ungeziefer ›einladen‹ würden, anstatt es abzulehnen? Würden wir dann nicht zu einem viel reicheren, ausgewogenerem Verhältnis zu uns selbst gelangen, zu einem anderen Verhältnis zu der uns umgebenden Welt und den anderen Menschen?

So ist »Væermin« auch ein zutiefst gesellschaftskritisches Album. Es ist ein Konzeptalbum, doch erschöpft es sich nicht in einem Konzept. Tara Nome Doyle erzählt eine Geschichte, in der eine Vielzahl von Geschichten sich spiegelt und bricht wie in einem Prisma. Man kann ihre Songs immer wieder hören und wird darin immer neue Farben und Figuren erkennen. Sie schillern und verschwimmen, und wenn man sie scharf anzublicken versucht, dann entfleuchen sie schon wieder in eine andere Richtung, in eine andere Deutung und Welt. Sie sind von strahlender Klarheit und doch stets von einer geheimnisvollen Aura umflort. Sie entfalten sich über unbehaglich glimmenden Drones und streben dann kraftvoll zum Licht. Sie werden ganz groß und sind dann plötzlich wieder ganz klein. Sie zittern sanft über elektronischen Pulsen und über einer schnaufenden Kirchenorgel. Sie werden von schwerem Schlagzeug gekerbt und verlieren sich dann wieder in ozeanischen Weiten. So wie es Tara Nome Doyle darum geht, die Schatten des Selbst zu erkunden – so gehört es zum Zauber ihrer außergewöhnlichen Songs, dass ihr künstlerisches Selbst dabei nur umso heller aus dem Schatten tritt.

»Værmin« ist ein großes, weises, tief bewegendes Album. Aber die Bewegung, die es erregt, rührt wesentlich auch aus seiner melodischen Kraft: Die Lieder von Tara Nome Doyle verhaken sich sofort in den Ohren, sie wollen einem nicht mehr aus den Kopf. Und weil sie dort bleiben, entfalten sie umso unbehaglicher, umso berührender und schöner jene Unruhe, in der die Musik dieser außergewöhnlichen Künstlerin ihre existenzielle Bedeutung besitzt.