Sébastien Tellier "Domesticated"

Früher, da gab es mal einen anderen Sébastien Tellier: „den einsamen Wolf“, um es in Worten des Pop-Visionärs aus Paris zu sagen. Aber dann verliebte er sich. Hochzeitsglocken läuteten, er wurde Ehemann. Schließlich wurde er Vater. Doch eines Tages, der französische Songwriter mit ausgeprägtem Hang zu Synthies war gerade allein zu Haus, packte ihn etwas. Er war wie verzaubert: Von einem Toaster. „Ich hörte einfach nur ein wenig Musik, und mit einem Mal fielen mir all die Alltagsgegenstände auf, die mich umgaben“, erzählt er und muss lachen. Besagte Sinnbilder für sein jetziges Leben – ein Leben, in dem Milch verschüttet wird, Elterntaxen früh aufbrechen, Böden geschrubbt und Nudeln gekocht werden müssen – machten ihn nachdenklich. Er dachte über das Heranwachsen, das Älterwerden nach. Wie wir mit den Jahren das wilde, fast schon animalische Leben der Jugendjahre eintauschen gegen einen sehr viel ruhigeren Lebensentwurf (in dem die Toaster dafür sehr viel besser, glänzender aussehen). „Domestizierung ist etwas Universelles: Eine Erfahrung, die wir alle machen“, meint er. „Und das Leben ist toll! Ich fühle mich, als hätte ich erst angefangen zu leben – wirklich zu leben! Dass ich mehr bin als bloß dieser Wolf. Da ist jetzt so etwas Warmes... eine Bestimmung.“ Auf seinem sechsten Studioalbum, dem ersten seit fünf Jahren, widmet sich Tellier diesem Thema, diesen Veränderungen – und setzt dafür auf jene verträumten Lo-Fi-Sounds, die seine Fans so sehr lieben: Luftig, elektrifiziert, eklektisch und exzentrisch, klingt der französische Songwriter-Nationalschatz auf Domesticated tatsächlich so gut wie nie. Als hätte er gerade erst angefangen...

In den zwei Jahrzehnten, die Tellier nun schon im Rampenlicht steht – wobei er mit allen von Jean-Michel Jarre bis Mr. Oizo arbeiten konnte, von The Weeknd gesamplet wurde, ja, selbst beim Eurovision Song Contest in einem Golfmobil über die Bühne rauschen und so allen die Show stehen konnte – hat er musikalisch immer wieder neue, exotische Ecken angesteuert. Seine Zuhörer*innen wurden dabei auch mal in den Dschungel Brasiliens entführt (L’Aventura, 2014) oder in imaginäre Filmwelten (Confection, 2013), wenn sie nicht gerade auf spirituelle Trips geschickt wurden (My God Is Blue, 2012). Dieses Mal geht’s ihm jedoch um sehr viel banalere Dinge: den Alltag. „Es geht darum, dieses Alltägliche in etwas Außergewöhnliches zu verwandeln“, so Tellier. „Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, wie wir zu Gefangenen unserer häuslichen Pflichten werden – denn beim Menschen ist es nun mal so, dass wir eigentlich gar nicht existieren können, wenn wir keine größere Aufgabe haben. Das Leben ist ein permanenter Kampf – und die Hausarbeit bildet den Kern dieses Kampfes.“

Wobei die acht Songs, die auf Domesticated versammelt sind, überhaupt nichts Routinemäßiges haben: Vom nachhallenden Eröffnungssong „A Ballet“ – im Französischen ein Wortspiel: Ballett und Besen zugleich – und dem Achtziger-Electro-Sound von „Venezia“, entfaltet sich das Album als ausgelassene Franco-Pop-Fantasiereise. Tellier selbst findet, er habe noch nie so viele grandiose Melodien auf einem Album versammelt. „Dieses Mal habe ich die Songs um meine Stimme herum arrangiert: Ausgangspunkt war immer die Gesangsmelodie“, erzählt er. „Es ist zwar schon ein elektronisches Album, aber die Synthesizer und Drum Machines waren nicht tonangebend, es gab kein ‘durm-durm-durm’. Stattdessen ging es immer erst um eine Melodie. Rhythmus – das Musik, die eine Ordnung hat. Aber Melodie – das ist das eigentlich Menschliche daran.“

Überhaupt gebe es ja „ganze Ozeane voller Beat-Bastler“ da draußen, findet der 45-Jährige. „Computerspezialisten. Producer. Ich wollte lieber ganz alleine auf einer Insel sein, raus aus diesem Ozean. Ich wollte ein Macher von Melodien sein.“ Um sich jedoch wirklich in so einen „Macher von Melodien“ verwandeln zu können, musste er seinen kreativen Prozess neu sortieren. Die Dinge anders machen. Das sah so aus: Morgens nach dem Aufwachen ließ Tellier keine 20 Minuten vergehen und machte sich sofort an die Arbeit. Oftmals gleich auf dem Sofa – wo er dann Einfälle vor sich hin sang, sie mit einer App auf dem iPad festhielt. „Zwischen dem Schlafen und dem wirklichen Wachsein gibt es so einen Zustand, in dem alles noch ein wenig vage, verschwommen ist. Wie in einer Wolke. An dem Punkt sind auch die Gefühle am dramatischsten. Wenn ich dann einen Song über jemanden schreibe, den ich liebe, wird das ultra-romantisch. Und auch wenn ich meinen Hass über irgendetwas rauslasse, kommt da richtig was zusammen. Ich versuche einfach, an dieses Traumgefühl anzuknüpfen.“

Das Ergebnis dieser Herangehensweise ist ein luftiges, emotional aufgeladenes Pop-Wunderland, in das man richtig eintauchen kann. Aus insgesamt rund 200 (!) Songideen filterte er schließlich diese acht Stück heraus. „Stuck In A Summer Love“ ist dabei einer seiner persönlichen Favoriten. Er handelt davon „in der Vergangenheit gefangen zu sein“, so Tellier. „Dieser alte Teenager, der ich war. Voller Emotionen, aber zugleich wie eine Raupe: fett und stark. Ich bin sehr stolz auf dieses Stück. Ich hab mir das immer gewünscht, mal so einen Song zu machen, wusste aber nie, wie ich das machen sollte.“ Ganz anders die Verlockungen des „Atomic Smile“: „ja, ganz anders, ganz einzigartig“, meint auch er. „Da geht es um Zerstörung und um Umbrüche, die Revolution, aber auf ganz sanfte Art. Was ja überhaupt der Schlüssel zu meinem Wesen ist. Ich will die Zerstörung, will die Revolution – aber wehtun darf sich keiner.“

Der Höhepunkt des Longplayers ist „Won“, ein behutsamer Schlusspunkt, produziert von Jam City. „Das große Finale“, sagt Tellier. „Da haben wir’s doch: Ich habe verloren, das Leben hat gesiegt! Gewonnen! Ich bin domestiziert – Domesticated! Meilenweit entfernt von den wilden, draufgängerischen Teenagerjahren, achte ich heute darauf, dass das Wohnzimmer schön aufgeräumt und das Bett auch ordentlich gemacht ist. Ich weiß, wie alle Haushaltsprodukte im Supermarkt heißen. Mein letzter Weihnachtswunsch war ein Staubsauger von Dyson. Na ja, letztlich hat das alles auch etwas Tröstliches... denn all diese Anstrengungen können einen durchaus glücklich machen. Es ist also nicht bloß hart. Was mich angeht, war ich nie so glücklich wie heute, wo ich domestiziert bin. Dieses primitive Wesen, das während der Teenagerjahre in mir gelebt hat, ist weg, abgehauen – und es ist viel besser ohne ihn!“

Gefühlt liegen seine Teenagerjahre noch gar nicht so lange zurück: Zur Welt kam der Troubadour in Le Plessis-Bouchard im Februar 1975. Sein Vater liebte Musik und tat alles dafür, dass der Kleine mit reichlich Harmonien und magischen Akkordfolgen aufwuchs. So liefen die Alben von Pink Floyd, die Soundtracks von François de Roubaix im Elternhaus – dazu gab’s schon früh Unterricht (der Papa gab ihm samstagnachmittags immer eine Gitarrenstunde). Mit 20 nahm er schließlich Kurs auf die Musikerkarriere: Er machte eine Liste mit Zielen und begann auch gleich mit der Umsetzung. Schon 2001 erschein sein Debütalbum L’incroyable vérité beim einflussreichen Label Record Makers. Kurz danach hatten ihn nicht nur Daft Punk auf dem Schirm, die einen Song der LP im Film Electroma einsetzten (woraufhin Guy-Manuel de Homem-Christo später auch Telliers Sexuality-Album produzieren sollte), sondern auch Sofia Coppola. Deren Wahl fiel auf den Track „Fantino“, der eine wichtige Rolle in Lost In Translation spielen sollte...

Genau genommen war es wiederum Coppola, die für den Titel des neuen Albums verantwortlich war: „Sie fand das passende Wort für mich“, so der Songwriter. „Sie sagte, dass ich aussehe wie ein Tier, wie ein Wilder – mit dem Bart... aber inzwischen bin ich nun mal domestiziert. Und wenn Sofia sagt, dass ich mein Album so nennen soll, dann bleibt mir ja gar nichts anderes übrig!“ Da sich nun der Stichtag nähert, an dem Domesticated erscheinen wird, entdeckte Tellier zuletzt die größte Ironie daran: Dass nämlich ausgerechnet dieses Album, das vom häuslich-zahmen Lebenswandel handelt, ihn aus diesem ruhigeren Leben sehr bald herausreißen wird – weil er dann wieder aufbrechen und eintauchen wird in jene seltsame Phase des Tour-Lebens, das ja ganz anders ist als der Alltag daheim. „Ja, ich kann’s ehrlich gesagt kaum abwarten, diese Songs live zu spielen“, sagt er. „Wenn man im Studio ist und an neuen Songs schreibt, dann ist man letztlich nur bei sich: Alles passiert im Kopf. Auf der Bühne aber musst du wirklich mit dem ganzen Körper aktiv werden. Mein aktuelles Ziel lautet, die nächsten zwei, drei Jahre dafür zu nutzen, um gute Laune zu verbreiten. Ein gutes Leben – ein Feuerwerk von einem Leben!“

Den Sébastien Tellier als „einsamen Wolf“ mag es nicht mehr geben. Aber der brillante, humorvolle Meister der Melodien namens Sébastien Tellier – der blüht jetzt erst richtig auf. Die harte Schule des Alltags hat ihm gutgetan.

Info

Sébastien Tellier "Domesticated"

Die VÖ ist leider vom April auf den 29. Mai 2020 verschoben worden. 

Pre Order (LP, CD, digital)

www.recordmakers.com

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