ROSA ANSCHÜTZ

Die deutsche Ausnahmekünstlerin, Komponistin und Sängerin Rosa Anschütz veröffentlicht am 27. Mai 2022 auf BPitch ihr neues Album „Goldener Strom“.

„Ich folge dem goldenen Strom." So singt es Rosa Anschütz im Titelstück ihres neuen Albums, mit kalter, klarer, entschlossener Stimme: „Und jetzt folge ich dem goldenen Strom. Und ich folge dem goldenen Strom.“ Darunter sirren und plätschern erst goldene Störgeräusche, ein kaltes Licht liegt über dem „dicken Wasser“. Dann setzen mächtige Elektrobeats ein, und im Refrain künden Trompetenfanfaren vom Sieg über die Elemente. „Goldener Strom“ handelt von dem Wunsch danach, sich treiben zu lassen; sich dem Moment zu ergeben und der Bewegung des Lebens. Aber zugleich klingt aus dieser Musik auch der Wille, sich der Welt und ihren Strömungen zu widersetzen – jenen Strömungen, die einen irgendwo hin treiben wollen, wohin man nicht möchte. Wie wird man zu einer Insel im Strom? Wie findet man zu dem Selbstvertrauen, das es einem erst wieder erlaubt, das Treiben, die Bewegung des Lebens um einen herum zu genießen – ohne ihr ausgesetzt zu sein? Auf dem Cover des Albums sieht man Rosa Anschütz in der Weite eines grau schillernden Meers - in einem blauen Kleid auf einem blauen Panton-Stuhl sitzend: Symbol einer historisch gewordenen Modernität und der Souveränität über die Geschichte und über die Kunst.

„Goldener Strom“ ist ohne Frage das erstaunlichste Album der Saison. Es spielt mit Härte und Zärtlichkeit, es erzählt von der Schönheit des Selbstverlusts wie vom Glück eines selbstbestimmten Lebens und Schaffens. Man kann dazu tanzen, man kann es aber auch wie ein Konzeptalbum hören; es ist ebenso voller Beats wie voller Gedanken. Ihren enorm wandlungsreichen Gesang – der vom flehenden Hauchen bis zur kalten New-Wave-Sprechstimme reicht – unterlegt Rosa Anschütz mit einem entschlossen voranmarschierenden Four-to-the-Floor-Techno; doch finden sich unter diesem auch immer wieder polyrhythmische Abweichungen. Es scheppert und zittert, tiefe Bässe wühlen im Boden, während hoch droben schillernde Klangschleier wehen. Rosa Anschütz schließt an die Traditionen von Dark Wave und Postpunk an, aber furcht tiefe Kerben in deren Klangbild und romantische Glätte.

Geboren wurde Rosa Anschütz 1997 in Berlin; sie wuchs am Rand der Stadt auf, in einem abgelegenen Haus an einem See mit einem verwunschenen Garten. Ihr erstes Instrument war das Klavier, später lernte sie Querflöte und Trompete und spielte damit in einer Bigband, sie hörte Jazz und DJ Krush und begann noch während der Schulzeit, in diversen Rockbands zu musizieren. Doch merkte sie bald, dass sie ihre künstlerischen Visionen am besten alleine verfolgen kann. Sie experimentierte mit Garageband und lud ihre Tracks auf Soundcloud hoch. So wurde unter anderem Max Kobosil auf sie aufmerksam, der junge DJ-Star aus dem Berliner Berghain, der später auch ihren Song „Rigid“ remixte.

Ihre musikalische Erweckung fand Rosa Anschütz in der Welt der elektronischen Avantgarde und Technoklubs. Mit 15 ging sie zum ersten Mal auf das Atonal Festival im Berliner Kraftwerk, sie tauchte in die Berliner Szene der Postpunk- und Industrial-Avantgarde ein, später tanzte sie im Berghain. Das Tanzen in dunklen Räumen, sagt sie, hatte für sie einen bewusstseinserweiternden Effekt: Sie liebt das Sich-Treiben-lassen und jene Momente, in denen sich alles auflöst und sich die Grenzen verschieben. Doch spürte sie auch schnell die Gefahren, die in diesem Sich-Treiben-lassen liegen: Wie kommt man zu einem guten Verhältnis zum eigenen Körper, wenn man in den entscheidenden Jahren der Jugend das Körperbewusstsein mit allzu vielen Mitteln erweitert und manipuliert? Sie ging aus Berlin nach Wien, um dort Transmediale Kunst zu studieren. Vor allem aber begann sie dort damit, mit Modularen Synthesizern zu arbeiten: Instrumente, die ihre Möglichkeiten vor allem dadurch eröffnen, dass sie einem Beschränkungen auferlegen. Ihre erste EP „Rigid“ und ihr Debütalbum „Votiv“ aus dem Jahr 2020 waren wesentlich von der Arbeit mit diesen Instrumenten geprägt.

Auf „Goldener Strom“ hat sie sich davon befreit. Sie nutzt souverän sämtliche Mittel der elektronischen Musikproduktion und verbindet sie mit analogen Instrumenten, mit Querflöte, Trompete und Gitarre; dazu singt, spricht und haucht sie mit ihren kalten und sicheren Stimme. Die Songs hat sie - wie schon auf den vorherigen Alben - mit dem Berliner Produzenten Jan Wagner aufgenommen. Beiden war wichtig, dass alles, was sie aufnehmen, möglichst schnell fertig wird. Sie wollten musikalische Momente einfangen; wenn etwas funktionierte, wurde es schnell zu Ende gebracht; wenn es irgendwo hakte, wurde der Track liegen gelassen und verworfen. Beim Produzieren, sagt Rosa Anschütz, sei dies das Wichtigste: dass man sich nicht verzettelt. Und so ist es generell in ihrer Kunst: Es geht um das Sammeln und Verstärken von Energie; es geht darum, Erfahrungen zu verdichten, einen Punkt zu machen, einen Abschluss zu finden für ein Bild aus Klängen und Worten, wie flüchtig es dann auch immer erscheint. Der Strom, von dem Rosa Anschütz singt, und den sie in ihrer Musik entfacht: Das ist auch der stream of consciousness, der Strom des Erlebens; und was man erlebt, ist im nächsten Moment ja auch schon wieder vorbei. Es geht darum, den Moment zu spüren - und im nächsten Moment aber auch schon wieder nicht mehr zurückzublicken.

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