Qasim Naqvi "Teenages"

Qasim Naqvi, der US-amerikanische Komponist mit pakistanischen Wurzeln, wird am 3. Mai 2019 sein Solodebüt bei Erased Tapes veröffentlichen

Das Album Teenages fängt das klangliche Innen- und Eigenleben elektronischer Geräte ein, die atmen und aus freien Stücken agieren, wobei Naqvi nur ganz dezent und subtil eingreift, und die ansonsten nahezu ungebundenen Kompositionen meisterhaft lenkt.

Den Kern des Albums bildet eine vollkommen einzigartige Synergie zwischen Qasim und seiner Maschine, dem modularen Synthesizer; er begibt sich damit in jene Klangregionen, in denen auch Zeitgenossen wie Sarah Davachi, Alessandro Cortini und Caterina Barbieri operieren, indem sie an das Erbe des Synthesizer-Wegbereiters Morton Subotnick anknüpfen. Mal tonal, mal auf Texturen konzentriert, dann wieder vorwiegend rhythmisch, entfaltet sich das Album im Verlauf von sechs sich wandelnden, wachsenden Klangorganismen — angefangen auf dem Mikro-Level, bis daraus schließlich etwas sehr viel Größeres, Leuchtendes, fast schon Hymnisches erwächst.

Für Naqvi, der sich neben seiner Rolle als Schlagzeuger des gefeierten Trios Dawn of Midi u.a. auch bereits als Komponist in den Bereichen Tanz, Theater, Film und Installationskunst einen Namen gemacht hat, ist Teenages abgesehen von einigen Score-Veröffentlichungen das erste Solo-Album. „Meine bisherigen Veröffentlichungen wie Chronology, Preamble, Fjoloy und Film sollten visuelle Medien untermalen und begleiten“, erklärt er. „Die Musik war also immer so konzipiert, dass sie eine andere Form verstärkt. Teenages ist mein erstes Album, das aus sich selbst motiviert ist. Es ist ein live eingespieltes Werk, das auf verschiedenen Sätzen basiert, die ich für mich selbst aufgenommen habe.“

Für Teenages setzt Naqvi durchweg auf einen analogen Modular-Synthesizer — ein von Spannung gesteuertes Klangerzeugungssystem, das aus unterschiedlichen Komponenten bzw. Modulen besteht. Naqvi verbrachte insgesamt zwei Jahre mit dem Bau seines Synthesizers, wobei eine Vielzahl von Aufnahmen entstand, deren Essenz nun auf diesem Album erscheint.

„Die Kraft von nicht-verstärkter, akustischer Musik hat mich schon immer fasziniert“, erzählt er weiter. „Und für mich sind modulare Synthesizer der natürliche nächste Schritt: Der Übergang vom akustischen in den elektronischen Bereich. Es fühlt sich wie ein Orchester an, das aus ganz ungewöhnlichen Instrumenten besteht; die Orchestrierung und das Schwingungsverhalten basieren dabei komplett auf den Steckverbindungen und somit dem Fluss von Stromspannungen durch das System. Außerdem gibt es natürlich Schwankungen, weshalb es so gut wie nie vorkommt, dass sie zweimal exakt dasselbe spielen. Fast schon organisch und menschlich wirkt das. Es war mir wirklich wichtig für dieses Album, dieses Verhalten so ungestört wie möglich einzufangen.“

Weitere wichtige Faktoren waren das Gefühl und der Klang selbst: Naqvi wollte ein echtes Live-Feeling generieren, dafür aber ohne großes Studio auskommen. „Obwohl es sich hier nun um ‘elektronische Musik’ handelt, wollte ich möglichst wenig mit dem Computer und Plug-ins, Loops und Samples arbeiten; auch sollte die Komposition ohne viel Nachbearbeitung auskommen. Ich wollte das ganze Werk wie eine Live-Aufnahme behandeln, das Verhalten und die Eigendynamik der Maschine in den Mittelpunkt stellen; sie sollte richtig groß klingen – wie ein ganzes Orchester aus elektrischen Signalen.“

Zaghaft und leicht stotternd wie die Zeitrafferaufnahme eines Pflanzensamens, der aus dem Boden sprießt, steckt der Song „Intermission“ gleich zu Beginn den Rahmen ab; erst danach kristallisieren sich erste Motive heraus — in der tanzenden, brodelnden Bass-Spur von „Mrs 2E“, das etwas Verspieltes und Kindliches an sich hat, wie ein Junges, das gerade seine ersten Schritte macht.  

Druckvoller und schräger klingt das Rauschfundament des aufgeregt-sirrenden „Palace Workers“, das an verstärkte Insekten- oder Fledermausgeräusche erinnert, wobei sich die Melodie schließlich zu einer Art fraktalen Version von „Oxygene“ entfaltet. Ab „No Tongue“ tauchen nach und nach auch traditioneller wirkende musikalische Referenzen auf — etwa eine leuchtende Synthesizer-Melodie, die nach Frühlingserwachen klingt –, wohingegen „Artilect“ auf eher unheilvolle Drone-Klänge setzt: Hier schwingen die Bedrohungen mit, die von künstlich erweiterter biologischer Intelligenz ausgehen.

Wie am Ende eines Reifeprozesses die nächste Stufe beginnt, gipfelt das Album im Titeltrack „Teenages“ — eine farbenfroh-dynamische Symphonie in Technicolor; aufgenommen in einem einzigen Take ohne Overdubs oder nachträglichen Änderungen. Im Jahr vor der Fertigstellung seines Solodebüts schuf Naqvi eine ganze Reihe von kürzeren Stücken; sie waren gewissermaßen das Sprungbrett aus dem die ersten fünf Albumtracks entstanden und zugleich der finale Abschnitt eines längeren Prozesses, der schließlich in die Aufnahme des Titelsongs münden sollte: „Ich wollte die verschiedenen Entwicklungsstadien zeigen, die auf den Hauptakt hinleiten. All diese Tracks haben dieselbe DNA, auch wenn sie vielleicht eher wie entfernte Verwandte wirken.“

Die fünf Stücke, die Naqvi auf dem Album vor dem „Teenages“-Finale präsentiert, zeichnen nach, wie er nach und nach seine Herangehensweise als Komponist an das Instrument angepasst hat – und wie dieses Instrument selbst mit der Zeit immer größer und komplexer werden sollte: „Los ging es mit nur ein paar Modulen. Und natürlich war schon da alles übereinander geschichtet und zusammengebastelt, doch indem der Synthesizer und seine Komponenten mit der Zeit immer größer wuchsen, konnte ich auch immer breiter und komplexer angelegte Aufnahmen machen. Und als ich dann schließlich bei ‘Teenages’ angelangt war, konnte ich ganz spontan ein richtig großformatiges, robustes Stück kreieren.“

„Es ist ganz klar ein experimentelles Album, weil es auf meinen Erfahrungen basiert, meinem Lernprozess im Umgang mit dem Instrument. Und während der Synthesizer mit der Zeit immer größer wurde, reifte zugleich auch die Musik. Manchmal hatte ich fast schon das Gefühl, dass er gegen meine Anweisungen zu rebellieren schien, oder zumindest überraschte er mich mit Dingen, die sich anfühlten, als ob sie auf seinen eigenen Entscheidungen basierten. Als dann alles im Kasten war und ich mir Gedanken über die Titel der Tracks machte, landete ich schnell bei Künstlicher Intelligenz: eine Maschine, die auf deine Impulse reagieren und etwas anderes zurückgeben kann als das, wonach man gefragt hat, die einem sogar trotzen kann. Wie die verschiedenen Entwicklungsstadien und das Lossagen der Pubertät fühlte sich das an – daher auch der Albumtitel Teenages.“

Mit Teenages schreibt Qasim Naqvi den Kanon der Modular-Synthesizer-Vordenker fort: Das Resultat ist ein inspirierendes, die Synapsen stimulierendes Meisterwerk.

Über Qasim Naqvi:

Die von Qasim Naqvi komponierten Film-Soundtracks liefen bereits bei Sendern wie HBO, NBC, PBS, The Sundance Channel, New York Times Op-Docs und Vice. Die dazugehörigen Filme wurden bei etlichen renommierten Festivals gezeigt – u.a. The Tribeca, Sundance, Toronto, Rotterdam und dem London Film Festival. Zu den Galerien und Ausstellungen, zu denen Naqvi Kompositionen beigesteuert hat, zählen u.a. dOCUMENTA 13 und 14, das Guggenheim Museum und MOMA PS 1.

Aufgeführt oder als Komponist beauftragt wurde er nicht nur vom BBC Concert Orchestra, sondern auch dem Chicago Symphony Orchestra. Neben neuem Material welches er mit dem London Contemporary Orchestra entwickelt hat, fand am 12. Februar die Live-Premiere von Teenages im Purcell Room des Southbank Centres statt.

Das Akustik-Trio Dawn of Midi, bei dem Naqvi als Schlagzeuger mitwirkt, hat zwei Alben veröffentlicht. Der zuletzt veröffentlichte Longplayer Dysnomia wurde einhellig von der Kritik gefeiert (u.a. Pitchfork, Rolling Stone, Spin, The Guardian, The Quietus, Consequence Of Sound, Drowned In Sound, Tiny Mix Tapes); dazu gab es Interviews mit Sendern wie NPR und viel Lob für ihre Liveshows (u.a. New York Times). Radiohead luden Dawn of Midi persönlich ein, als Vorband bei zwei ausverkauften Konzerten im New Yorker Madison Square Garden aufzutreten.  

Trackliste:

  1. Intermission
  2. Mrs 2E
  3. Palace Workers
  4. No Tongue
  5. Artilect
  6. Teenages

Pressestimmen zu FILM von Qasim Naqvi:

„FILM toggles between pure electronic sound design and minimalist composition; it strikes a balance between suggestive scene-setting and subtle drama… Caught between accident and expression, it is a sound whose ephemerality makes it all the more haunting“ — Pitchfork

„Both the elemental pulse of Steve Reich and the dysphoric drone of John Carpenter… Naqvi deftly crafts bleak landscapes that seem to stretch far into the horizon, as well as into the most primal cavernous spaces“ Album Of The Day, Bandcamp

Pressestimmen zum Album Dysnomia von Dawn Of Midi:

„Stellar… at a loss for words“Spin

„Something totally unprecedented“ Pitchfork

„Perverse in a good way“The New York Times

„Brain-bending, seemingly impossible“Rolling Stone

„Moving and addictive...a feat of innovation“ Interview Magazine

„A mysterious, vital sound with a pull all its own“L.A. Times

Info

Pre-order 'Teenages' on LP/CD/DL: 

idol.lnk.to/QasimTeenages

Label: Erased Tapes

VÖ: 3 Mai 2019

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