Portico Quartet

Portico Quartet haben ihr fünftes Studioalbum angekündigt: Memory Streams erscheint am 04. Oktober 2019

Die Briten setzen damit jene musikalische Exkursion fort, die sie schon vor mehr als 10 Jahren mit dem für den Mercury Prize nominierten Debütalbum Knee Deep In The North Sea (2007) begonnen hatten. Unterwegs hat die Band immer wieder neue Technologien einbezogen und neben Jazz, Minimal Music und Co. auch auf Electronica- oder Ambient-Einflüsse gesetzt, weshalb keines der Vorgängeralben wie das andere klang: Es waren immer neue Richtungen, in die sie aufbrachen, immer neue Dinge, mit denen sie ihre stilistische Palette erweitern sollten. Auf den charakteristischen Mix aus Jazz/Minimal/World Music, den sie auf ihrem Debüt präsentiert hatten, folgte zunächst das sehr viel konzentriertere Isla-Album, dann die elektrifizierte Portico Quartet-LP und zuletzt mit Art In The Age Of Automation (2016) ihr bislang elektronischstes Statement. Jedes dieser Alben war eine Welt für sich: das jeweils neueste Statement von einer Band, die sich noch nie zu irgendeiner Szene zugehörig gefühlt hat und in erster Linie auf der Suche war. Entscheidend waren dabei folgende Fragen: Was konnten sie noch zum Ausdruck bringen? Wohin sich noch bewegen? Wie sich selbst herausfordern? Welche Grenzen ließen sich noch weiter verschieben?   

Ein weiteres Resultat dieser Herangehensweise ist, dass Portico Quartet stets ihren eigenen Weg gegangen sind. „Ich denke, wir waren als Band schon immer eher isoliert“, meint Schlagzeuger Duncan Bellamy. „Das liegt vielleicht daran, dass wir nie das Gefühl hatten, irgendwo wirklich dazuzugehören. Wir passten auch einfach in keine der existierenden Szenen, als wir damals anfingen.“ Saxofonist Jack Wyllie hingegen fühlt sich „heute eher verbunden mit anderen Musikern, und diese Beziehungen beeinflussen unseren Sound sicherlich auch irgendwie. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass wir uns deshalb konkret zu irgendeiner Szene zugehörig fühlen. Das nicht. Wir stehen immer noch eher für uns da – was cool ist, weil sich die Musik dadurch einzigartiger anfühlt.“

Mit dem neuen Album Memory Streams bewegen sie sich weiter im selben Kontinuum, und doch spielen, wie der Titel vermuten lässt, dieses Mal auch Erinnerungen, Rückblicke, bruchstückhafte Einflüsse aus der Vergangenheit und alte Ideen in neuer Form eine Rolle. Laut Wyllie dreht sich Memory Streams „gewissermaßen um die Identität der Band: Es geht um die Alben, die wir schon aufgenommen haben, und was wir davon erinnern.“ Bellamy spricht von einer „richtigen Flut von Bildern, wie ein Zurückgreifen und Noch-einmal-Erleben von archivierten Erinnerungen – und das müssen nicht mal die eigenen Erinnerungen sein.“

Zwar setzen Portico Quartet noch immer auf dieselben Instrumente – Schlagzeug, Saxofon, Bass und die Klänge des Hang –, aber der Sound klingt trotzdem anders, zeitgenössischer, obwohl noch immer genügend Raum für die schönen und etwas geheimnisvollen Momente ist, die man von ihnen kennt. Man hört sofort, dass sie nach gut 12 gemeinsamen Jahren genau wissen, wer sie sind, auch wenn sie sich immer wieder auf Experimente einlassen.

Zugleich kehren sie auf Memory Streams ganz klar zu einem richtigen Band-Sound zurück – was auf Art In The Age Of Automation und dem dazugehörigen Minialbum Untitled nicht so sehr der Fall war. „Wir wollten etwas kreieren, das Struktur hat, Fasern und Freiraum vereint“, sagt Bellamy. „Etwas, das sich lebendig anfühlt. Echt und lebhaft.“ Viele der Sounds auf dem Album wurden schon während der Aufnahmen noch ein weiteres Mal verstärkt, was der LP mehr Tiefe verleiht, sie satter und geräumiger klingen lässt. „Wir wollten die Palette außerdem auf das konzentrieren, was uns als Band wirklich auszeichnet“, ergänzt Wyllie, „und das sollte uns auch beim Schreiben helfen – schließlich macht es die Sache nicht gerade einfacher, wenn man unendlich viele Möglichkeiten hat. Eine echt interessante Herausforderung war nun, etwas ganz Neues zu schreiben, etwas, das sich wie ein nächster Schritt anfühlte – aber sich dabei eben auch an Vergangenem zu orientieren.“

Memory Streams beginnt mit „With, Beside, Against“, dem perfekten Eröffnungstitel, weil sich das Stück, das zugleich zu den allerersten Tracks zählt, die sie für dieses Album schreiben sollten, ganz ruhig entfaltet und nach und nach immer mehr Raum einnimmt. Den Geist des gesamten Albums bringt daraufhin „Signals“ sehr gut auf den Punkt, ein geheimnisvolles, hypnotisches Stück, das ganz klar die Handschrift von Portico Quartet trägt, aber dabei härter wirkt als frühere Aufnahmen. Das grandiose Stück „Gradient“ klingt deutlich produzierter: Lo-Fi-Elemente und Akustik-Parts umspielen ein schlichtes Hang-Motiv, bis alles in ein hypnotisches Crescendo mündet. „Ways of Seeing“ vereint Minimalismus und Dancefloor-Beats: Ein pulsierender Beat aus der Drum-Machine durchschneidet einen Schleier aus wirbelnden Hang-Aufnahmen und zerstückelten Saxofon-Loops. „Memory Place“ erinnert dezent an das Motiv des bereits erwähnten Tracks „Gradient“; ein ruhiges Klavierstück, das von einem Dunst aus Saxofon-Noise eingerahmt wird. Beim druckvollen „Offset“ dreht sich alles um Bewegung, um Action und Spannung, weshalb Bellamys Schlagzeug ordentlich dagegenhalten muss. „Dissident Gardens“ ist ein weiterer hypnotischer Song, der aus drei Teilen besteht: Der Rhythmus geht zwar fast schon in Richtung Prog-Rock, aber der Minimal-Faktor ist noch wichtiger, während obenherum viel Platz für eine Farfisa-Orgel als Loop bleibt. Nach dem Streicher-Intro von „Double Helix“ ruckelt alles wie beim Zappen durch etliche TV-Sender, bis sich ein massiver Groove den Weg bahnt, und das grandios minimalistische, leidenschaftliche „Immediately Visible“ knüpft ganz klar an ältere Album-Highlights wie „Line“, „Rubidium“ oder auch „Beyond Dialogue“ an. Das Resultat einer spontanen Improvisation im Studio, funktioniert der Song perfekt als Schlusspunkt für dieses Album, mit dem Portico Quartet ihren Sound ganz klar im Hier und Jetzt verankern: In einer Zeit, in der wir uneingeschränkten Zugriff auf stetig wachsende Archive haben, auf Unmengen von Bildern, Daten, Ideen. „Memory Streams“ bezieht sich auf Existierendes, knüpft dort an, spinnt diese Ansätze weiter – und bringt genau dadurch den Sound von Portico Quartet auf den allerneuesten Stand.

Portico Quartet live:  27. November, Heimathafen, Berlin                                      

Info

PORTICO QUARTET

“Memory Streams”

Gondwana Records

CD//LP//DL - VÖ: 04.10.2019  

Portico Quartet live: 

27.11.19 Berlin - Heimathafen


www.porticoquartet.com

www.gondwanarecords.com

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