ONEOHTRIX POINT NEVER

Oneohtrix Point Never kündigt sein neues Album an: Magic Oneohtrix Point Never erscheint am 30. Oktober bei Warp Records

Ein gleichnamiges Werk ist immer ein Meilenstein in der Karriere eines Künstlers. Obwohl gleichnamige Veröffentlichungen häufig den Auftakt einer Diskografie markieren, greifen Musiker und Musikerinnen traditionell auch auf einen solchen Titel zurück, um damit einen besonderen Höhepunkt ihres Schaffens hervorzuheben: ein außergewöhnliches Werk, eine alles vereinende Bestandsaufnahme etwa – oder schlicht ein Album, das für einen definitiven Moment einer Entwicklung steht. Oneohtrix Point Never stellt mit seinen Arbeiten so gut wie alle Standards und alles lineare Denken in der Musikwelt radikal in Frage, indem er sich mit jeder Veröffentlichung zwischen traditionellen Paradigmen bewegt, digital-sensorische Auslöser zerlegt und als zeitgenössische Sonaten wieder zusammensetzt. Die heute erscheinende Drive Time Suite, bestehend aus den Tracks „Cross Talk I“, „Auto & Allo“ und „Long Road Home“ (inkl. Gast-Vocals von Caroline Polachek), dient als Vorbote seines neuen Albums, mit dem sich der in New York lebende Künstler und Producer Daniel Lopatin am 30. Oktober 2020 zurückmeldet.

Erst Ende 2019 hatte Lopatin den von der Kritik einhellig gefeierten Soundtrack zu Uncut Gems beigesteuert; sein musikalischer Trip war der perfekte Score zum Noir-Thriller der Safdie-Brüder. Davor hatte er mit dem ebenfalls hochgelobten Album Age Of (Warp; 2018) jenes allgemeine Gefühl des Umbruchs vertont, das sich seither noch verstärkt hat und inzwischen überall auf der Welt spürbar ist. Nun jedoch richtet Lopatin den Blick auf die Frequenzen in seinem Inneren, wenn er an den Ursprung seines OPN-Projekts anknüpft und selbst in turbulenten Zeiten wie diesen ein ganz neues Gefühl der Leichtigkeit und einen neuen Spirit darin entdeckt. Der Aufbau von Magic Oneohtrix Point Never (mOPN) knüpft dabei bereits lose an die Programmlogik von Sendezeit-Blöcken im Radio an – angefangen am frühen Morgen bis zum Sendeschluss in der folgenden Nacht, ineinander verschränkt zu einer kaleidoskopischen, unruhigen Klangwelle im steten Wandel, die sich zwischen den Extremen des Schiebreglers auftürmt. Lopatin hat sich schon immer mit dem Medium Radio befasst, weil ihn besonders das aleatorische Element, sprich: die Rolle des Zufalls an diesem Modus des Zuhörens fasziniert. Das heute obsolete Format „Beautiful Music“, aus dem später „Easy Listening“ und „New Age“ hervorgehen sollten, ist nur eine der vielen Farbschattierungen, die mOPN auszeichnen. Außerdem erschafft Lopatin auf dem neuen Album auch Klangcollagen aus Archivmaterial von zahlreichen US-Radiosendern, wenn er deren „format flips“ einbindet, Umbrüche in den Hörfunkformaten, in denen DJ-Abmoderationen mit Werbeclips und Selbsthilfe-Mantras derartig überlappen, dass gerade in diesen Übergängen vielsagende und abgründig-komische Zerrbilder der US-amerikanischen Kultur sichtbar werden.

Magic Oneohtrix Point Never, dessen Titel sich wie sein Künstlername auf den Sender Magic 106.7 aus Boston bezieht, den Lopatin einst missverstanden hatte, ist ein nostalgischer und selbstreferentieller Karriere-Meilenstein: Ausladend-barocke Popcollagen, deren Maximalismus der Producer mit atmosphärischem Glanz überzieht. Der 38-Jährige legt damit gewissermaßen seine Autobiografie vor: ein vertontes Spiel mit mehreren Ebenen, entworfen von einem Künstler, der in seiner Karriere noch nie so inspiriert und erleuchtet klang wie hier.

Die Musik von Oneohtrix Point Never war schon immer komplex und sinnträchtig: Angefangen bei den dekonstruierten Plunderphonics-Ausschlachtungen von Replica und R Plus Seven, über die Alt-Rock- und Chamber-Pop-Anklänge von Garden Of Delete und Age Of bis hin zur symphonischen Wucht seiner Soundtrack-Arbeiten (wie den Scores zu Uncut Gems und Good Time) und seinen Produktionen für andere Künstler*innen. Magic Oneohtrix Point Never ist eine Synthese all dieser Elemente: Hier kommen alle Fäden seines bisherigen Werks zusammen und ergeben ein kohärentes und humanistisches Meisterwerk – weshalb der gleichnamige Titel als Verweis auf die eigenen Wurzeln und zugleich als Verankerung im Hier und Jetzt gelesen werden muss.

Tracklist:

01. Cross Talk I

02. Auto & Allo

03. Long Road Home

04. Cross Talk II

05. I Don’t Love Me Anymore

06. Bow Ecco

07. The Whether Channel

08. No Nightmares

09. Cross Talk III

10. Tales From The Trash Stratum

11. Answering Machine

12. Imago

13. Cross Talk IV / Radio Lonelys

14. Lost But Never Alone

15. Shifting

16. Wave Idea

17. Nothing’s Special

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