NILS FRAHM GRAZ

Graz erscheint am 29. März 2021 auf Erased Tapes

Zum diesjährigen Piano Day präsentiert Nils Frahm eine ganz besondere Überraschung: Sein Debütalbum für Erased Tapes erscheint am 29. März. Was, wie bitte? Wer den Klaviervisionär und -virtuosen schon einmal im Konzert erlebt hat, wird bereits wissen, dass Nils auch gelegentlich den einen oder anderen Scherz macht, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Die Pointe kommt dieses Mal etwas verzögert: Graz ist tatsächlich das erste Studioalbum, das er schon 2009 für das Londoner Label aufgenommen hat. Nur ist dies irgendwie unter Verschluss geblieben – bis jetzt.

Nils Frahm hat in aller Ruhe die gesamte Musikwelt auf den Kopf gestellt; er hat die jahrhundertealte Figur des Pianisten-Komponisten neu definiert, sie ins Jetzt überführt – für eine vollkommen neue Generation. Während seine Musik über Mundpropaganda immer mehr Menschen erreichte und in ihren Bann zog, kehrte auch sein Instrument zurück in den Fokus der Popkultur. Eine Entwicklung, die ihn und einige Gleichgesinnte im Jahr 2015 dazu inspirierte, den jährlichen Piano Day ins Leben zu rufen. Einen neuen Feiertag im Kalender, der eine der größten Erfindungen der Menschheitsgeschichte zelebriert. Mit Aufnahmen, die den Menschen und dieses Instrument in den Mittelpunkt rücken. Graz ist so eine Aufnahme. Eine bislang unveröffentlichte Momentaufnahme eines jungen Nils Frahm, mitgeschnitten im Jahr 2009 im Mumuth, dem Haus für Musik und Musiktheater der Kunstuniversität Graz, als Teil der Abschlussarbeit Conversations for Piano and Room, produziert von Thomas Geiger, der dafür im selben Jahr den 1. Preis in der Kategorie Classical Surround Recording der 127. AES Convention in New York in Empfang nehmen durfte.

Zwar wurde damals beschlossen, jene Graz-Sessions am Konzertflügel beiseite zu legen, um sich stattdessen auf die gedämpften, ganz intim klingenden Klavierexperimente zu konzentrieren, die dann 2011 auf seinem gefeierten Studioalbum Felt zu hören waren. Jedoch sollten zwei der Kompositionen – und das gilt ganz besonders für Hammers – in seinen Livekonzerten weiterleben und sich erweitern; neu aufgenommen für Spaces, jenes Album, das ihm 2013 endgültig den Durchbruch bescherte (eine Collage aus Field Recordings von Konzerten, mit denen Nils die vierte Wand durchbrach, wo auch das Husten und Räuspern des Publikums seinen Platz hat). Dieser Ansatz ist bezeichnend für Nils’ gesamte Karriere, denn er hat immer wieder neue Parameter abgesteckt, Grenzen verschoben und Sphären ineinander verschränkt: Mal war’s ein physischer Eingriff in sein Klavier (die mit Filz präparierten Saiten von Felt), mal war sein eigener Körper modifiziert (Screws entstand mit neun gesunden Fingern und einem gebrochenen Daumen), dann experimentierte er mit Dimensionen und Maßstäben (Solo wurde auf dem 3,70m hohen Klavins M370 aufgenommen, dem größten Instrument seiner Art) oder auch mit verschiedenen Formaten und ontologischen Kategorien (für Tripping with Nils Frahm aus dem letzten Jahr nistete er sein Studio-Setup in den Rahmen einer Live-Performance, eines Konzertfilms und Livealbums). Mit Graz treibt er das Spiel weiter und bricht damit die ultimative Grenze: Das Fortschreiten der Zeit – und das Fortschreiben der eigenen Diskografie.

Graz dokumentiert den Moment, der ganz am Anfang jener wortlosen Revolution steht, die Nils in den Jahren danach auslösen sollte. Sein Genie, die Essenz seiner Handschrift ist schon hier zu erkennen: der harmonische Ausdruck der Klassik, die Unmittelbarkeit des Jazz. Es wirkt so, als würde Nils jede Idee für sich aufgreifen, ganz behutsam, nur auf den Moment konzentriert, um auch ja nicht die Muse wieder zu vertreiben. „Manchmal, wenn man ein Klavier hört, dann könnte man meinen, es handle sich um ein Gespräch zwischen einer Frau und einem Mann“, kommentiert er die Aufnahme. „Zugleich kann es auch auf die Gestalt des Universums verweisen und beschreiben, wie ein schwarzes Loch aussieht. Du kannst Klänge entstehen lassen, die keinerlei Bezug zu den Dingen haben, die wir vermessen können.“

Liner Notes

So ein Konzertflügel ist ein ganz eigentümliches Biest. Ansprechend und schön wird das Spiel darauf nur dann klingen, wenn man die Tasten absolut kontrolliert anschlägt. Schon die leichteste Veränderung im Anschlag führt zu einer anderen Klangfarbe – was ein großer Gewinn ist, wenn man es gezielt einzusetzen weiß. Gelingt es einem jedoch nicht, sich zu zügeln, kann es sich als echte Falltür entpuppen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich die Musik während der Graz-Sessions richtig aus dem Flügel herauspressen musste, und auch wenn ich diese Aufnahmen heute sehr gerne höre, habe ich sie eine ganze Zeit lang aus gutem Grund unter Verschluss gehalten: Ich höre darin eine deutlich jüngere Version von mir selbst, und viele der musikalischen Ausdrucksformen von damals könnte ich heute unmöglich nachmachen. Gute Freunde, denen ich diese Aufnahme gezeigt hatte, erinnerten mich hin und wieder daran, und einige der Stücke sind zwischenzeitlich in anderen Versionen auf dem Album Spaces erschienen. Doch irgendwie will jedes Stück Musik, das man erschafft, auch hinaus in die Welt, um Dich zu finden. Weshalb ich echt glücklich darüber bin, dieses Biest nun doch noch mit Euch zu teilen. Ich hoffe, Euch bereitet diese Aufnahme genauso viel Freude wie mir! Alle Liebe, Nils

Aufnahme-Credits

Komponiert und eingespielt von Nils Frahm

im MUMUTH, der Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz

als Teil der Abschlussarbeit Conversations for Piano and Room

Gesang auf „Hammers“ von Peter Broderick

Produktions- und Aufnahmeingenieur: Thomas Geiger

Aufnahmeassistenz: Linda Lüchtrath

Gemischt von Nils Frahm an unterschiedlichen Orten

Gemastert von Zino Mikorey

Vinylschnitt von Andreas Kauffelt in der Schnittstelle, Berlin

Trackliste

1. Lighter

2. O I End

3. Because This Must Be

4. Kurzum

5. And Om

6. Hammers

7. Crossings

8. About Coming and Leaving

9. Went Missing