Nicolas Godin "Concrete & Glass"

Das neue Album erscheint am 24.1.2020

Als Nicolas Godin, bekannt als eine Hälfte des französischen Electropop-Duos AIR, im Jahr 2015 mit Contrepoint sein Debüt als Solomusiker vorlegte, bezog er sich damit vor allem auf die Kompositionen von Johann Sebastian Bach; er vereinte in diesem konzeptuellen Rahmen ganz unterschiedliche Einflüsse, Klangwelten und Genres. Eine Soundtrack-Veröffentlichung später (A Very Secret Service), hat er für sein kommendes Studioalbum ein gänzlich anderes Fundament gewählt: Concrete & Glass, das am 24. Januar 2020 bei Because Music erscheint, bezieht sich auf architektonische Meilensteine. Mit minimalistischer Präzision errichtet und mit einem warm klingenden Popverständnis unterfüttert, ist Godin – immerhin selbst Absolvent eines Architekturstudiums – hier gänzlich in seinem Element, wenn er sich auf große Baukünstler und deren ikonische Werke bezieht und ihnen zu Ehren Klangräume entwirft, die ganz klar auch seine eigene Handschrift tragen.

Er selbst sieht in diesen neuesten Aufnahmen auch eine Verbindung zu AIRs Anfangstagen: Es schließe sich damit der Kreis zu den allerersten Tracks des Electropop-Duos. Der gefeierte Modernist Le Corbusier war nämlich schon damals ein zentraler Einfluss für den Musiker, der kurz vor dem Karrierebeginn ein Architekturstudium absolviert hatte – besonders Tracks wie „Modular Mix“ (1995) machen das deutlich. Gut zwei Jahrzehnte später tauchte der Name Le Corbusier auf einer Liste von Architekturgrößen auf, vor denen sich Godin musikalisch verneigen sollte: Seine klanglichen Hommage-Tracks sollten in Displays rund um den Globus zu hören sein...

Mit seinem dezenten Ambient-Beat und dem minimalistischen Arrangement ist der bereits veröffentlichte Singlevorbote „The Border“ die perfekte Eintrittskarte in die Welt von Concrete & Glass – ein ganzes Album voller Hymnen auf architektonische Meisterwerke, die Godin allesamt zusammen mit Pierre Rousseau komponiert hat. Die Synthesizer-Sounds heben ab, dazu Vocoder-Gesang, Bass: Understatement pur und ein eleganter, minimalistischer Grundriss, in dem die dezenten Details noch besser zur Geltung kommen. Wie mit AIR, erschafft Godin in jedem Winkel eine Leichtigkeit, einen Sound, der permanent zu schweben scheint: Musik, die gewissermaßen nicht der Schwerkraft unterliegt, in einer ganz eigenen Sphäre existiert.

Auch die klaren Synthesizer-Linien des Titelstücks, eingerahmt von einem wohlproportionierten Arrangement inklusive sanften Paukenschlägen, sind ein guter Ausgangspunkt, um von dort aus in Godins neue LP einzutauchen. Während seine eigenen Vocoder-Gesänge auch ganz klar an die frühen AIR-Aufnahmen anknüpfen, sind im weiteren Verlauf des Albums ganz unterschiedliche Vokalgäste zu hören: Alexis Taylor von Hot Chip beispielsweise, der mit dazu beiträgt, den Dreampop/Soul-Sound von „Catch Yourself Falling“ zu einem Karrierehighlight des Franzosen zu machen. Der aus Oxnard stammende Sänger und Aktivist Cola Boyy verleiht dem nachdrücklichen „The Foundation“ noch mehr Soul: Hier lassen langsam verglühende Grooves und Synthies genügend Raum für die Message des Sängers. Unglaublich gelassen und heiter klingt die Psychedelic-Soul-Sängerin Kadhja Bonet auf dem Synthie-Fundament von „We Forgot Love“, während die aus Moskau stammende Experimental-Pop-Vordenkerin Kate NV für das eingängige „Back To Your Heart“ vor allem auf den Faktor Romantik setzt.

Vom Titelstück bis zum sinnlichen, verraucht-jazzigen Schlusspunkt „Cité Radieuse“, funktioniert Concrete & Glass letztlich wie ein von architektonischen Highlights gelenkter Trip um die ganze Welt. Für Godin ist es ein weiterer Meilenstein auf jener Reise, die mit AIRs Debüt Moon Safari im Jahr 1998 begonnen hat – der schwerelose Soundtrack zu jenen unbeschwerten Zeiten kurz vor der Jahrtausendwende. Mit AIR hat Nicolas Godin seither alles von atmosphärischen Soundtracks (The Virgin Suicides) über ausladende Experimente (10,000 Hz Legend), üppigen Popsound (Walkie Talkie) und gemeinschaftliche Japan-Trips (Pocket Symphony) bis hin zu retrofuturistischem Space-Age-Abstechern aufgenommen (Le Voyage dans la Lune), um nur eine Auswahl zu nennen. Für seinen Soundtrack zum Film A Very Secret Service brach er in die lässige Welt der Spionageromane auf – inklusive verspielten Jazz-Anleihen. Nun kehrt er zu seinen Architektur-Wurzeln zurück: Mit Concrete & Glass knüpft Godin an den Sound der zurückliegenden Veröffentlichungen an und denkt ihn mit viel Feingefühl weiter – was den Zuhörer*innen mit jedem einzelnen Track immer neue Blickachsen und Perspektiven erlaubt.

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Concrete & Glass – in den Worten von Nicolas Godin

Im Jahr 1995 hatte ich gerade mein Architekturstudium an der Uni abgeschlossen und war nun dabei, einen Track in meinem Pariser Homestudio aufzunehmen, der wie eine Art Verneigung vor dem weltberühmten Architekten Le Corbusier funktionieren sollte. Diese allererste Single hieß „Modular Mix“ – sie sollte wenige Monate später unter unserem Bandnamen AIR veröffentlicht werden. Es folgte kurze Zeit später ein zweiter Track, und dann ein ganzes Album – und dann noch 10 Alben bis zum heutigen Tag.

Wenn man die Umstände bedenkt, in denen der Grundstein für meine Diskografie gelegt wurde, war ich sehr angetan, als 20 Jahre später der Künstler Xavier Veilhan an mich herantrat mit einer Liste von Namen, auf der „Richard Neutra, John Lautner, Mies van der Rohe, Claude Parent, Konstantin Melnikov, Pierre Koenig und... Le Corbusier“ standen. Um es kurz zu machen: Xavier wollte, dass ich mich mit einzelnen Stücken vor jedem dieser Architekten verneige, also jeweils eine Art Hommage komponiere. Diese Resultate sollten dann in situ, also direkt vor einigen ihrer wichtigsten Bauten rund um den Globus über ein Display zu hören sein.

Als er mich darum bat, ihn bei diesem Abenteuer zu unterstützen, machte ich den Vorschlag, für jedes Haus ein eigenes Motiv zu kreieren und einige seiner anstehenden Ausstellungen zu vertonen – wie ein Soundtrack, wie eine Performance. Das war zugleich der Startschuss für das neue Album Concrete & Glass.

Zunächst einmal konnte ich mich auf die DNA der einzelnen Gebäude beziehen, denn darin steckten schon sehr viele Informationen, die man in Musik übersetzen konnte: Die Location zum Beispiel, die Landschaft drum herum, in der das Objekt stand... dann natürlich die Materialien wie z.B. Beton oder Glass oder auch die Rolle, die ein Gebäude in der Menschheitsgeschichte oder der Populärkultur gespielt hat – und so weiter, und so fort. Ein Beispiel: Für den Song „Cité Radieuse“ habe ich Le Corbusiers erste Unité d’Habitation in Marseille genommen und seinen Tetris-artigen Aufbau in Musik umgewandelt. Die Ebenen sind ineinandergefügt, jede ist mit der darüber liegenden verschränkt, bis sich alles zur Dachterrasse mit ihrem Blick übers Mittelmeer hin öffnet. Ein derartiges Bild in Musik zu übersetzen ist im Grunde genommen ganz ähnlich wie das Schreiben eines Filmsoundtracks...

Das war der erste Schritt. Die Ausstellungen fanden allesamt statt und das Abenteuer endete damit vorerst. Doch als ich dann nach Paris zurückkam, wurde mir schon sehr bald klar, dass ich diesen Weg noch weiter gehen wollte. Ich spürte, wie in mir ganz langsam diese Idee entstand: Die Idee, jede dieser Kompositionen in komplette Songs umzuwandeln und sie dann zu einem Ganzen, zu einem Album zusammenzufügen. So entstand also Concrete & Glass.

Als aus der ursprünglichen Idee der konzeptionelle Rahmen fürs Album geworden war, begann ich damit, mich auf die Suche nach geeigneten Sänger*innen zu machen, die diese Kompositionen zum Leben erwecken könnten. Ich schrieb folgende Musiker*innen und Sänger*innen an: Kate NV, Kadhja Bonet, Kirin J. Callinan, Cola Boyy und Alexis Taylor. Nachdem sie sich die Tracks angehört hatten, drückten sie ihnen auch noch ihren eigenen Stempel auf und brachten etwas Eigenes ein. Unbezahlbare Beiträge sind das. Und was mich angeht, hatte ich einen Riesenspaß, für vier der Songs mal wieder meinen Vocoder auszupacken. Was die Arrangements und die Produktion angeht, setzte ich auf Pierre Rousseau, dem ich folgende Ansage mitgab: „Das letzte Album (Contrepoint) hatte diesen Live-Sound, aber dieses Mal will ich nur rechte Winkel und parallele Linien hören – so wie in den Bauten, die diese Songs inspiriert haben.“

Und was dann folgte, war ein grandioser Trip um den Globus: Los ging’s in den Hügeln von Los Angeles, dann weiter durch die Vororte von Moskau, schließlich via Barcelona bis in den Süden Frankreichs. Die 10 Songs sind das Resultat dieses Abenteuers – und ich hoffe, das Zuhören macht genauso viel Spaß wie die Arbeit daran.

Nicolas Godin

Paris, im Frühjahr 2019

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