METRONOMY

NEUES ALBUM ‘METRONOMY FOREVER’ AM 13. SEPTEMBER

Hey, ist schon mal jemandem aufgefallen, dass Metronomy, die Elektro-Indiepop-Band um Joe Mount, die im Herbst dieses Jahres ihr sechstes Album Metronomy Forever veröffentlicht, ein bisschen so klingt wie das Tempogerät „Metronom“. Ist es? Oha.

Die Metronom-Referenz war ursprünglich mal nur ein kleiner musikalischer Insider-Scherz; jetzt steckt plötzlich Bedeutung drin. Das stetige Tick-Tack des Pendels steht für Kontinuität, Stabilität, Endlosigkeit und stets Vertrautes. Es versteht, dass die Zeit unerbittlich weitermarschiert wie ein Stier in Richtung Matador, während wir alle irgendwann wieder zu dem Urschleim werden, aus dem wir stammen. Unser letzter Atemzug wird nur ein weiteres Klicken der Maschine sein.

Mit seinem Titel verkörpert Metronomy Forever ein ähnliches Ethos: etwas, das gleichzeitig vorwärts und zurückschaut, wie Janus, etwas vom Schicksal Verdammtes und zugleich Ewiges. Staub zu Staub und so weiter.

„Wenn man Musik macht und eine gewisse Art von prominentem Status erreicht hat, egal wie klein oder groß, dann fängt man an, über das eigene Vermächtnis nachzudenken und darüber, was man einmal hinterlassen wird“, sagt Mount. „Und dann stellt man fest, dass das eigene Erbe nur so weit reicht wie das Interesse der Menschen an einem. Letztlich ist das für mich völlig in Ordnung. Für je weniger wichtig man jegliche Art von Kunst hält, desto interessanter kann sie schließlich auf gewisse Weise werden... Ich mache Musik, ich werde einige Konzerte spielen, ich muss meine Kinder ernähren.“

Metronomy Forever ist der Nachfolger zum 2016 erschienenen Summer 08, und es enthält 17 Tracks. Seine Länge entstammt dem Wunsch, Luft holen zu können, danach, die Hits nicht zusammenzuquetschen wie ein Bund Tankstellenrosen. Zwischen dem Saunaschweiß triefenden Funk von Songs wie „It's Automatic“ und der Strandbeerdigung „Walking In The Dark“ liegen schillernd schöne Ambient-Tracks. Es ist wie einem Altersheim zu sitzen, das Hirn wie ein Schweizer Käse, in dem Erinnerungen an ein vergangenes Jubelleben aufblitzen, während man in angenehmer Verwirrung versinkt.

Es ist, wie wenn man Radio hört, mit opulenten Songs verschiedenster Arten und Stile, die die Stimmung erhellen und das ein oder andere leise Würgen unterdrücken, während man den Rührei-Dampf aus der Pfanne einatmet, die man gerade schrubbt. „Das Radio hört nie auf“, erklärt Joe. „Es kommt gar nicht so sehr darauf an, wie emotional die Musik ist, die gerade läuft, weil die Situation, in der man sich selbst gerade befindet, die Musik mit Emotionen auflädt.“

„Ich habe mich so lange darauf konzentriert, diese schmissigen Songs zu schreiben, und als ich sie dann alle zusammengebracht habe, ergab das einfach nichts Beeindruckendes. Erst als ich anfing, über die letzten paar Jahre nachzudenken, habe ich gemerkt, dass es zwischendurch immer wieder Zeiten des Treibenlassens gab, und darin nach Ideen gesucht. Diese kleinen Stücke Instrumentalmusik und Soundfetzen, zu denen ich eine ehrliche Verbundenheit gespürt habe, habe ich schließlich zwischen die Blumen gepflanzt.“

Blumen sind eine passende Metapher. Mount ist der Hektik von Paris entflohen, um auf einen Hügel im gärtnerischen England zu ziehen. Es war eine notwendige Veränderung, sagt er, und eine, die ihn der Natur nähergebracht hat.

„Ich glaube, diese Umgebung – und damit meine ich die Umwelt – passt im Moment am besten zu mir. Ich fühle mich der Natur richtig verbunden. Und ich glaube, dass es für mich als Menschen wichtig ist, mich darauf einzulassen – dabei habe ich noch nicht mal das Sapiens-Buch gelesen.“

(Was vielleicht ganz gut ist, denn „Sapiens“ scheint von Akademikern weltweit abgelehnt zu werden.)

Metronomy Forever ist ein Album, das eine grüne Ruhe ausstrahlt. Mount hatte sich gesorgt, dass sein relativ glücklicher Zustand seine Kreativität unterdrücken könnte, weil es keine große Tragik zu beschreiben gab, aber er entdeckte, dass das nicht stimmte. Im Gegenteil.

„Neid darauf, solche Probleme zu haben, kann ein bisschen gefährlich werden“, sagt er. „Ich sehe erfolgreiche Musiker, die Schwierigkeiten damit haben, relevant zu bleiben, wenn sie älter werden. Ich bin für mich an einem Punkt, an dem ich eine gesunde Einstellung zu dem habe, was ich tue. Mit dieser Platte wollte ich sehr unverfälscht ausdrücken, worum es mir im Leben gerade geht, und ich glaube, das ergibt für mich die beste Musik.“

Während die Musik selbst nach friedlichem Glück klingt, erinnern uns die Texte daran, dass sich selbst die idyllischsten Umstände nicht von allein erhalten, sondern jemanden brauchen, der die Rädchen ölt, damit sie sich weiterdrehen. In „Lately“ singt Mount so verzweifelt wie eindringlich: „That is love and it's hard to do, it's a job for two. What do I do if I don't get nothing from you?“

Nicht nur der physische Abstand vom stressigen Leben in der französischen Hauptstadt hat seine Spuren im kreativen Prozess hinterlassen. Mount hat einen Großteil der vergangenen vier Jahre damit verbracht, zusammen mit Robyn an ihrem gefeierten und sehr persönlichen Album Honey zu arbeiten. 48 Monate indirekter Seelenqualen waren anstrengend, aber letztendlich sehr erfüllend.

„In der Zeit, die seit der letzten Metronomy-Platte vergangen ist, habe ich eine sehr große Rolle darin übernommen, ein Album zu schreiben, das für sie auf einer traumatischen Erfahrung beruht. Ich wusste, dass diese Erfahrung eine große Katharsis werden würde. Ich weiß noch, wie ich ihr zum Schluss hin gesagt habe, wie gut die Platte ist und dass die Menschen wirklich so darauf reagieren werden, wie sie es sich gewünscht hatte. Das jemandem sagen zu können, mit dem man arbeitet, ist wirklich eine gute Sache, weil man weiß, dass alles in Ordnung ist. Es ist ein schönes Gefühl.“

Diese Schimmer emotionaler, intensiver, sinnlicher Manie scheinen auf Mount  auf ganz eigene Art abgefärbt zu haben. In „Sex Emoji“ erweckt er das unterbewusst pulsierende Lila der erotischen Digitalaubergine zum Leben und singt im Refrain mit Beischlafquietschstimme von „love, honey, sex, money“.

Auch „Salted Caramel Ice Cream“ kreist um diese Themen, wenn auch eher im Geiste von „Funkytown“ von Lipps Inc, und beschwört neben den Freuden und entzückenden Momenten der Liebe auch die Panik und die Ängste („Oh god, she's coming, don't look up.“)

Wenn das Vögeln vorbei ist, bleibt nur noch das eigene schwitzende Spiegelbild in all seiner Verzweiflung. Die schmerzhaften und traurigen Momente auf Metronomy Forever sind so echt wie die glücklichen, aber sie sind auch überwindbar, wie die meiste existenziellen Qualen eben. Dieses Album schöpft aus der Erfahrung von einem, der entschieden hat, dass Leid vielleicht eine gute Palette abgibt, von der man ein paar interessante Farben kratzen kann, aber dass es so gar keinen Spaß macht. Wir sind für eine gute Zeit hier, nicht für eine lange Zeit, oder wie Homer Simpson mal gesagt hat: „Vielleicht wachen wir morgen schon auf und sind tot.“ Zeit also, sich auf alle Viere herabzulassen, die Finger in die Erde zu krallen und dem Mond mit Geheul dafür zu danken, dass er die Wellen warmen Schaum an die Füße unserer Kinder spülen lässt.