MASCHA JUNO

Ein neuer Name in der Pop-Szene, aber kein neues Gesicht: Mascha Juno ist eine erfahrene Musikerin, seit Jahren als Perkussionistin und Sängerin erfolgreich in verschiedenen Bands und Projekten aktiv. Nun präsentiert sie ihr erstes Album mit vielschichtigen eigenen Songs. Den bemerkenswerten Klangreichtum hat Mascha Juno fast im Alleingang kreiert, die meisten Instrumente selbst eingespielt.

Den Gedanken an ein Solo-Album trug die Musikerin und Komponistin aus Berlin schon eine ganze Weile mit sich herum. Seit vielen Jahren ist Mascha Juno, bürgerlich Maria Schneider, auf internationalen Bühnen und in Tonstudios für andere Künstler*innen aktiv. Etwa als Vibraphonistin und zweite Stimme bei Dota Kehr oder (in einer Kooperation mit dem Stargaze Ensemble) mit Lisa Hannigan; unlängst wurde Mascha Juno Mitglied der Live-Band von Agnes Obel und wird mit ihr ab Juni auf Tournee gehen. Weiterhin spielt Juno Perkussion in klassischen Orchestern wie dem der Elbphilharmonie und der Komischen Oper Berlin, zudem bewegt sie sich mit dem gefeierten Andromeda Mega Express Orchestra im Grenzbereich von Neuer Musik und Jazz. Ferner arbeitet sie am Deutschen Theater Berlin, wo auch ihre Stimme gefragt ist. Die vielen unterschiedlichen Engagements bestärkten Maria Schneider darin, ein eigenes Album zu kreieren, das ihre verschiedenen Talente repräsentiert.

Erst die pandemiebedingte Konzertpause im Frühjahr 2020 machte es möglich, die Produktion endlich anzugehen. Einen zusätzlichen Impuls gab ein Todesfall in der Familie, der Mascha Juno tief bewegte. „Plötzlich kamen die Songs einfach zu mir“, beschreibt sie die von dem tragischen Ereignis ausgelöste Dringlichkeit. „Singen in Verbindung mit der Resonanz der Gitarre hat mich beruhigt und mir in meiner Trauer geholfen. Gleichzeitig empfand ich die Gitarre als spannende neue Erfahrung. Anfangs war das Spiel auf den sechs Saiten für mich ein kompletter Blindflug, weil sich nichts von meiner musikalischen Ausbildung darauf anwenden ließ. Zudem stellte ich fest, dass sich der im Vergleich zum Klavier andere Klang der Gitarre auf meine Stimme auswirkt, mich anders singen lässt.“

Tatsächlich dürften auch viele Hörer*innen Mascha Junos Gesang als eine echte Entdeckung sehen. Schon das kurze, mehrstimmige a capella-Intro zu Beginn des Albums deutet Junos Spannweite an. Im folgenden Better Times lotet sie ihre Ausdrucksmöglichkeiten in verschiedenen Lagen aus, von verheißungsvoll dunklem Hauchen bis in ätherische Register. Der Song verdichtet und abstrahiert Themen, die für Mascha Juno damals wie heute essentiell sind. „Es geht um die Überwindung von Prokrastination und um geglückte Versuche, seine Komfortzone zu verlassen. Und natürlich um die Welten, die sich einem dadurch öffnen.“

Noch sparsamer beginnt Stay, mit wenigen Gitarrenakkorden und zarter Stimme. Nach etwa eineinhalb Minuten drängen sich synthetische, immer dissonantere Töne in die Harmonien. Zusammen mit zunehmend drängenderen Trommeln schwellen sie zu einem imaginierten Gefühlsausbruch an. Die anschließende, wieder ruhige Passage strahlt hingegen unverkennbar Zuversicht aus. „Der Song handelt einerseits davon, eine ungelebte Liebe zu idealisieren, Wesenszüge ins Gegenüber zu projizieren, die man bei sich selbst vermisst. Ein zweiter Aspekt ist, Trauer empfinden zu können, verbunden mit dem Glauben daran, dass eine andere Welt existieren kann.“ Eindeutig weltliche Gedanken stehen hinter dem dynamischen I Won't Tell You, das erneut mehrstimmig und a capella beginnt, im weiteren Verlauf mit Schlagzeug und Synthi-Phrasen immer rhythmischer wird. „Man sollte und muss auch als öffentliche Person nicht alles von sich in social media-Kanälen preisgeben“, konstatiert Mascha Juno, „sondern sich stets daran erinnern, dass die eigenen Gedanken und Gefühle nur einem selbst gehören.“

Auf elegante Art wendet sie dieses Prinzip bei ihren Songtexten an. Vieles ist bewusst skizzenhaft gehalten, nicht bis ins Detail ausformuliert. Juno orientiert sich weniger an der narrativen Songwriter-Tradition, sondern macht Angebote zur freien Assoziation. „Die Stücke sind sehr bildhaft und bieten einen weiten Spielraum für Interpretation“, sagt sie leise lächelnd, „das gilt auch für die Musik. Es gibt keine typischen Strophe-Refrain-Strukturen, trotzdem klingen die Songs nach Pop.“

Ein Stilmittel, das sich in vielen Songs zeigt, ist Mascha Junos Spiel mit Mantra-ähnlichen Phrasen, die sich durch Instrumentierung und Dynamik verändern. Hinzu kommt der Wechsel von anrührender Intimität (besonders intensiv in That's Also True sowie See You Later) und eigenwilliger Expressivität. Letztere bestimmt beispielsweise Mountains mit seinen prägnanten Posaunenfanfaren und das ebenfalls rein instrumentale Maroccan Joy. Hier dominieren fließende Linien, repetitive Figuren und pulsierende Grooves. Dabei lässt Mascha Juno klug Welten aufeinander treffen: einerseits hypnotische Patterns von Vibraphon und anderer Perkussion, andererseits schwellende Synthesizer-Sounds und Twang-Gitarren; im Perkussions-Fundament sind Elemente eines traditionellen Gnawa-Rhythmus erkennbar. „Das Stück wurde durch eine Reise nach Marokko inspiriert. Die Musik, der Umgang mit Zeit und Arbeit, die Hilfsbereitschaft, aber vor allem die echte Lebensfreude vieler Menschen dort hat mich sehr beeindruckt.“ 

Der Variationsreichtum der Songs war nicht unbedingt geplant, sondern hat sich mit der Zeit ergeben und reflektiert Mascha Junos Persönlichkeit. Sie stammt aus einer Musikerfamilie, spielte schon als Kind auf internationalen Bühnen, kam durch ihre Eltern und deren Freunde früh mit zeitgenössischer Musik und anderen Kulturen in Kontakt. Heute reichen ihre Inspirationsquellen von José Gonzales und Feist über Stockhausen und Lachenmann bis Ella Fitzgerald und Hermeto Pascoal. Vieles davon lässt sich, zumindest in Spurenelementen, auf Uno erkennen. „An einem bestimmten Punkt hörte ich auf, über mögliche Außenwirkungen meiner Stücke nachzudenken. Stattdessen habe ich zusammengefügt, was kam und was sich richtig angefühlt hat“, beschreibt Mascha Juno den intuitiven Charakter ihrer Kompositionen. „Mein Anspruch war, die Songs mit all ihren Facetten zu spüren und mich damit zu identifizieren.“

Etwa die Hälfte von Uno hat Mascha Juno alleine im heimischen Wohnzimmer und im eigenen Proberaum eingespielt. Weitere Aufnahmen fanden im Studio des Musikers, Produzenten (u.a. Vögel die Erde essen, Sandra Hüller), Theaterkomponisten (Thomas Ostermeier, Kirill Serebrennikov u.a.) und Labelbetreibers Daniel Freitag statt. Manche von Junos Arrangements bereichert Freitag mit Gitarre, Synth- oder E-Bass, darüber hinaus hat er das Album produziert.

Der Multi-Instrumentalistin, Sängerin und Songschreiberin Mascha Juno ist ein herausragendes Debüt gelungen. Sehr persönliche Songs und individuelle Arrangements sowie ihr nuancierter Gesang verraten ein feines Gespür für Zwischentöne; tiefgründige Stimmungen, raffinierte Details und eingängige Melodien finden auf Uno eine perfekte Balance. Mascha Juno ist eine bemerkenswerte neue Stimme der aktuellen Popszene.

Info

Mascha Juno

Uno

VÖ: 29. April 2022

Label: Akkerbouw

Vertrieb: MusicHub

Format: Digital/ CD

mariaschneiderberlin.com

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