MALVA

Das Grell in meinem Kopf (Trikont, VÖ: 18.11.2022 - LP, CD, DL)

Es war im Oktober 2018, als sich zwei damals 16-Jährige bei einem ausverkauften Jesper-Munk-Konzert in München zum ersten Mal trafen. Ihre Namen: Malva (Scherer) und Quirin (Ebnet). Die beiden Teenager hatten vorher ein bisschen auf Insta gechattet, über Musik und dies und das. Schließlich verabredeten sie sich, da beide für den Münchner Ausnahmekünstler Munk schwärmten und dies nach wie vor tun. Auch der Termin ist den beiden noch so präsent, weil das Plakat zum Konzert jahrelang in Quirins Zimmer hing. An diesem Abend floss reichlich Alkohol und die beiden beschlossen, von nun an gemeinsam Musik zu machen. Gesagt, getan: Knapp zwei Jahre später begannen sie mit den Aufnahmen. Bedroom-Songs und Cover-Versionen, zumeist auf Englisch, zumeist sehr traurig, nie aber pubertär wütend, immer schon reflektierend und sinnierend, mitunter zweifelnd. Songs, die Malva mit 15, 16, dann 17 Jahren geschrieben hatte. Jetzt, 2022, wo die beiden dem Teenageralter entwachsen sind und sich als Twens fühlen dürfen, sind ihre Aufnahmen fertig. Es kamen während ihrer Recordings noch ein paar Lieder hinzu, auch auf Deutsch. Denn in Malva keimte der unbedingte Wille, sich ebenso in ihrer Muttersprache poetisch auszudrücken. Kein Wunder, liebt sie doch die oft recht unbekannten Dichterinnen der Bohème, allen voran Mascha Kaléko, aber auch die Beatpoetry der 60ties.

Womit wir auch schon bei Malvas größter Inspiration wären: Patti Smith. Gar nicht so sehr wegen ihrer Musik, eher eben als Poetin, als Lyrikerin, als universelle Künstlerin und als Frau an sich. Patti ist ihr von allen die innigste Vertraute, schließlich beginnt Malva ihre Tagebucheinträge meist mit „Liebe Patti …“ und schüttet dieser dann ihr Herz aus. Malva schreibt ihr, was sie bewegt, was sie glücklich und ihr Mut macht, aber auch alles, wovor sie Angst hat, was sie deprimiert und sie traurig stimmt ... Dass das nicht allzu wenig ist in Zeiten wie diesen, kein Wunder: Abitur während Corona, keine Freund:innen treffen, nicht tanzen gehen dürfen, Lockdowns, Isolation ... Und jetzt sind wir noch gar nicht bei den ganz großen Themen wie Krieg, Armut, Ausbeutung der sozial Schwachen, dem Flüchtlingselend, der Klimakatastrophe und der – für die vegan lebende Malva – schier unerträglichen Massentierhaltung ...

Zusammen mit Quirin, der sich – abgesehen von einem Praktikum in Johann Scheerers etabliertem Clouds Hill-Studio – mit Fug und Recht als autodidaktischer Multi-Instrumentalist, Produzent und Toningenieur bezeichnen darf, haben sich die beiden die letzten Monate verstärkt ihrer Kreativität gewidmet; haben es sich im Proberaum – wahlweise auch in einem Tonstudio der Münchner Kammerspiele, wo Quirin als Toningenieur jobbt – gemütlich gemacht und Malvas Songs so analog wie möglich `auf Band´ gebracht.

Schon nach den ersten Rough-Mixen wurden diverse Labels auf Malva aufmerksam, alteingesessene Indie-Vordenker wie z. B. Rembert Stiewe und Quintus Kannegiesser (BB*Island) schickten kleine, aber feine Liebesbekundungen und hörten Großes, ja geradezu Außergewöhnliches: „Sie ist enorm gut – und das nicht nur `für ihr Alter´. Dazu der offensichtlich gesamtkünstlerische Lebensentwurf. An Malva macht vieles sofort neugierig“, urteilte etwa Glitterhouse-Chef Stiewe. Und Kannegiesser präzisierte: „Gefällt mir sehr gut. Sehr schöne Stimme, wunderschöne Videos und ihre Art sich zu präsentieren.“

Jedoch der erste Weg führte Malva auf Giesings Höhen, dorthin also, wo blau-weiß gestreifte Löwen drittklassigen Fußball spielen und München noch überwiegend ursprünglich und einigermaßen ungentrifiziert ist. Genauer gesagt, luden Eva Mair-Holmes und Brendan Erler Malva im März an einem mäßig sonnigen Tag bei frühlingshaft-frischen Temperaturen in ihren Garten in der Kistlerstraße 1 und: Es war Liebe auf den ersten Blick. Denn die Liebe aufs erste Hören hatten die beiden Trikont-Betreiber:innen ihr gegenüber längst bekundet. Schnell wurde man sich unbürokratisch einig, weswegen Malvas Debüt nun bei Trikont erscheint.

Alsbald folgten auch die ersten Live-Auftritte, so etwa Support-Shows für Douglas Dare und – ausverkauft – im Vorprogramm von King Hannah. Aber es kam noch besser, denn Malva bekam drei unterschiedliche Förderungen (von Stadt, Staat und Bund), weswegen sie nun endlich damit anfangen konnte, die von Quirin aufgenommenen Songs mastern zu lassen und erste professionelle Fotos für Presse und die anstehende Album-Artwork zu machen.

So wurden nach und nach immer mehr Menschen aus Kunst und Kultur auf Malva aufmerksam und zwischenzeitlich traf sie sich mit ihrem Idol Jesper Munk, der mittlerweile seinerseits Fan von Malva geworden ist. Sie kooperierte mit Sebastian „Sepalot“ Weiss (Ex-Blumentopf), der sie bat, bei einem Song seines 2023 erscheinenden Albums als Featured-Artist zu singen. Und auch die bayerischen Indie-Vordenker Aloa Input haben schon Interesse bekundet, demnächst mit Malva zu kooperieren.

Was logischerweise folgte, waren weitere Konzert-Einladungen, so etwa zum 20-jährigen Jubiläum des für Literatur-Freunde unvergesslichen Blumenbar Verlages (dazu gleich mehr), zur Ausstellungseröffnung von „Frei leben – Frauen der Bohème 1890–1920“ (vorher schon eines von Malvas Steckenpferden) in der Monacensia, auf dem Sommerfest des Münchner Volkstheaters sowie dann Ende Juli zu den Festlichkeiten des unverwüstlichen Optimal Records Stores, der gar sein 40. Jubiläum feierte. Die Ereignisse überschlugen sich förmlich, umso erstaunlicher, dass Malva dabei immer die Ruhe behielt.

Malva lacht gerne, auch mal laut, trotz gelegentlicher Traurigkeit in ihr und um sie herum. Ein Lachen, all den weltlichen und gesellschaftlichen Absurditäten zum Trotz. Und es hilft ihr: zu musizieren, sich auszudrücken und auszutauschen. Ihre Songs, die sie überwiegend auf Englisch, aber, wie eingangs bereits erwähnt, vermehrt auch auf Deutsch schreibt, hört sie selbst irgendwo zwischen Indie, Pop und Chanson.

Doch Malva allein auf ihre Musik festzulegen, greift definitiv zu kurz. Dazu ist ihre künstlerische Persönlichkeit zu komplex. Philosophie interessiert sie, der Ansatz von Simone de Beauvoir etwa. Die Mode der Roaring 20s bis hin zu den 1960er-Jahren, zwischen Bohème, Existenzialismus, Beatgeneration und Blümchenkleid. Alles Vintage, alles 2nd-Hand, versteht sich ... Darüber hinaus hat Malva ein ausgeprägtes Faible für analoge Fotografie, inszeniert in Eigenregie kunstvolle Kurzvideos und schreibt selbst ihre eigenen Gedichte – weswegen jetzt schon ein Gedichtband in Arbeit ist. Ermutigt dazu sah sie sich, als ihr der bestens vernetzte Blumenbar-Gründer Wolf Farkas ein riesiges Talent bescheinigte („Die neue Mascha Kaléko“) und ihr zudem ein „zauberhaftes“ Wesen attestierte.

Eigentlich alles großartig, sollte man meinen. Aber … nun, es ist kompliziert … Davon handeln dann, dem Albumtitel gemäß, auch ihre Texte. Und so versucht sie trotz aller Tristesse und einer gefühlten Ausweglosigkeit, bei sich zu bleiben und auf bessere Tage zu hoffen. Unbeirrbar ist sie dabei und mutig. Und Mut ist es auch, den sie allen Menschen machen möchte: Leiden mag unumgänglich sein, aber dennoch nicht verzagen, sich nicht einschüchtern lassen, kämpfen, lieben, bedingungslos. All das versucht sie mit ihren wundervollen, stets die Seele wärmenden, fantasievollen, liebenswerten, besinnlichen, durch und durch analogen, ja geradezu anachronistischen, minimalistischen, manchmal auch tragikomischen Songs umzusetzen.

Malva ist etwas ganz Besonderes, eine außergewöhnliche junge Frau, die Social Media meidet, so gut es geht, dafür aber gesegnet ist mit einem großen Talent, als Sängerin, als Künstlerin, als Allrounderin in all ihren Facetten. Mit ihren schlauen, ihren reduzierten, manchmal fast stillen Kompositionen, wird sie vielleicht erst sukzessive Gehör finden da draußen – wo immer noch denen am meisten Aufmerksamkeit zuteil wird, die am lautesten schreien.

In der Jury-Begründung für das Pop-Stipendium der Stadt München, die einfach zu schön ist, als dass man sie hier nicht zitieren könnte, liest sich das dann wie folgt: „Die (damals noch, Anm. v. mir)19-jährige Künstlerin aus München hat in ihrem jungen Leben die Welt bereits als das erkannt, was sie ist – und kam nicht umhin, darüber in Kummer zu verfallen. All der Tristesse, dem Gefühl der Ausweglosigkeit und den Zukunftsängsten möchte sie mit ihrer Musik etwas gegenüberstellen. Etwas, das Mut macht; eine gewisse Leichtigkeit, die die Schwere der Vernunft für einen Moment aufzubrechen weiß. Es ist diese Verbindung zwischen Weltschmerz und Jugend, die Malvas Musik so besonders macht. Sie zeichnet das Bild einer Generation, die mit weit geöffneten Augen einer beängstigenden Zukunft gegenübersteht – jedoch nicht erstarrt, sondern klug und mit ohrenbetäubender Ruhe zu kämpfen bereit ist.“

Ja, da musste auch Malva erst mal schlucken. Für mich persönlich funktioniert ihre Musik wie ein Rückzugsraum, in den man sich begibt, um all dem Lärm, dem Hass, der Gleichgültigkeit, der Gewalt, der Reizüberflutung und dem restlichen Unfug und Irrsinn zu entfliehen. „Das Grell in meinem Kopf“ ist ein Refugium in einer dysfunktionalen Welt außer Rand und Band., in dem man abschalten und verloren gegangene Kraft tanken sowie Zuversicht schöpfen kann. „Liebe Patti…“ – mach, dass sie Malva zuhören, sie hat es sich verdient ...

Autor: Gerald Huber