JERRY PAPER

Jerry Paper veröffentlicht sein zweites Album Abracadabra am 15. Mai 2020  via Stones Throw/ Roughtrade

Jerry Paper ist Lucas Nathan. Und Jerry Paper ist auch: Instantkaffee, miese Jobs, wöchentliche Therapiesitzungen, Gewissenskrisen, Unternehmensmaskottchen, Trips auf 5meo-DMT, vom Glück verlassene Scherzbolde, Überwachung, ein aufgepumpter Vater, der auf Crystal auf einer Kinderparty abhängt, Entschuldigungen, Mülltonnen, Kakteen – und die Magie der Worte. Was vor rund zehn Jahren als DIY/Solo-Synthieprojekt anfing und in seiner derzeitigen Form eine fünfköpfige Band ist, war Jerry Paper vor allem immer eines: eine Verbindung zur Erde – für die wilde, schräge, unheimliche Fantasie des kreativen Masterminds, der sich hinter diesem Namen verbirgt.

Als Jerry Paper im Jahr 2019 zurückkehrte von der großen „I Am Begging You To Come To These Shows“-Tour, die einmal rund um den Globus geführt hatte, hängte er zunächst einmal sein wallendes Gewand und die Sandalen an den Haken, glitt dann gleich hinüber ins Studio und begann damit, seine nächste musikalische Offenbarung in eine greifbare Form zu bringen: Abracadabra. Während er für die letzten Veröffentlichungen oftmals nach Toronto gereist war, um die Aufnahmen dort mit seinen Freunden von BadBadNotGood zu machen, und er auf dem Vorgänger Like A Baby mit Gästen wie Matty Tavares, Weyes Blood, Mild High Club und Charlotte Day Wilson gearbeitet hatte, wollte Nathan Abracadabra im Alleingang produzieren.

Abracadabra handelt von der Bedeutung und von den Limitierungen der Sprache; Lucas Nathan schrieb die neuen Songs in einer Phase, in der er die Kraft der Worte, die Macht von Geschichten und Symbolen wieder neu für sich entdeckte. (Obwohl die Sache nie so ganz geklärt wurde, verweist die Etymologie des Wortes „abracadabra“ möglicherweise auf einen aramäischen Ausdruck, der so viel bedeutet wie „Es wird erschaffen werden durch meine Worte“.) Und so zauberte er, während viele, viele Worte durch seinen Kopf spukten und die ersten MIDI-Arrangements langsam konkreter wurden, das neue Jerry Paper-Album hervor. Abracadabra. Im Verlauf von 13 Songs präsentiert er jazzige Instrumentals mit Softrock-Einschlag, dazu ein paar verdammt eingängige Ohrwürmer – was insgesamt immer wieder dezent an den Avant-Pop von Scott Walker denken lässt, an den süßlichen Zauber aus der Feder eines Paul McCartney, auch an die kryptisch-lässigen Grooves eines Steely Dan.

Wie bei allen wirklich großen, epochalen Geschichten, tauchen im Verlauf von Abracadabra ein paar unvergessliche Protagonisten auf: Einer hat beispielsweise einen Opferkomplex („Cholla“); dann gibt es einen Außerirdischen in Gefangenschaft, der von einer geheimnisvollen Macht überwacht wird („Puppeteer“), oder auch einen gestählten Bodybuilder, dessen Leben auseinanderbricht, als er auf der Geburtstagsfeier seines eigenen Kinds beim Meth-Rauchen erwischt wird („Body Builder On The Shore“). Nathans Interesse für Gesprächstherapie spiegelt sich in dem Song „Spit It Out“ wider – einem Song über die gesundheitsfördernden Aspekte von Sprach-Improvisation. „Memorial Highway“ handelt davon, wie man nach dem Tod in den Köpfen der anderen weiterlebt, und „Apologist“ und „All I Need“ unterstreichen, wie wichtig – und manchmal auch: wie komplett sinn- und zwecklos – es ist, sich die eigenen Fehler einzugestehen. Aus Worten und Sounds neue Welten, neue Realitäten zu erschaffen, ist gewiss kein Zuckerschlecken, und auf „Trash Can“ bringt Nathan denn auch die Frustration zum Ausdruck, die der schöpferische Prozess bisweilen mit sich bringt.

Abracadabra ist vieles zugleich: schelmisch und aufrichtig, bizarr und allzu realistisch, saukomisch und melancholisch. Es ist das Werk eines Künstlers, der in einer Welt zu Hause ist, in der Verzweiflung immer wieder ins Lächerliche kippt – und einem manchmal gar keine andere Wahl bleibt, als über alles zu lachen.

Fürs Album-Artwork arbeitete Nathan abermals mit Steve Smith und dem Avantgarde-Comedian Alan Resnick zusammen: Zu sehen ist ein außerirdischer Outsider, der meint, einen Bekannten gesichtet zu haben. Wer das sein könnte? Keine Sorge. Am besten einfach zurücklehnen. Relaxen. Und die Magie von Abracadabra auf sich wirken lassen.


„Simultaneously of this reality and not…. It’s dead weird, but then so are the times

we’re living in.“ - Uncut 8/10

„Warm and almost supernatural in the balance he’s found here between a rosy kind of innocence and an impressively mature musicality.“ - L.A. Record

„An invitation into a warped world of psychedelic slacker sounds, creating both a contagious and completely chaotic soundscape.“ - The Line of Best Fit

„Weird and wonderful pop to lose yourself in“ - DIY Magazine