HUDSON MOHAWKE

Seine Positionierung innerhalb der Musikwelt ist einzigartig, weil sie auf Gegensätzen basiert: Hudson Mohawke ist omnipräsent – und hält sich dabei doch ganz bedeckt. Sein Sound: schwer verständlich, aber doch unmissverständlich. Obwohl sich sein Style problemlos in die verschiedensten Genreecken übertragen lässt, sind die selbstreflexiv-postmodernen Eckpfeiler dieses Sounds inzwischen wirklich überall zu finden – will heißen: Seine Handschrift ist ein fester Bestandteil des Soundtracks unserer Zeit.  

Während andere Produzenten in Nightclubs und hausgemachten DIY-Situationen die Grenzen des Gewohnten weiter verschieben und neue Hybride kreieren, arbeitet der aus Glasgow stammende Ross Birchard ganz anders. Eher wie ein Umgestalter, ein Terraformierer, ein Soundarchitekt bzw. Welten- und Wesenerdenker à la HR Giger. Anstatt irgendwo Beats zu droppen, erschafft er neue Welten. Und seine holistischen Visionen würzt er dazu mit einer guten Prise Humor und einer gesunden Abneigung gegenüber existierenden Gepflogenheiten. „Also je mehr ich versuche, das alles quasi nach Vorschrift zu machen, desto weniger wird was daraus“, kommentiert er. „Das fühlt sich auch einfach unehrlich an. Man muss diese ganzen Sachen ja nicht machen, nur weil sich das angeblich so gehört und so gemacht werden muss.“

Nachdem er mit Polyfolk Dance (2008) ein erstes Statement gemacht hatte, war seine Vision erstmals wirklich auf seinem Warp-Debüt Butter (2009) zu erkennen: Man konnte noch raushören, dass er als Teenie mal ein DMC-Champion war, hörte die Turnstablist-Vergangenheit genauso raus wie seinen Hang zu DJ Premier und Just Blaze. Und man hörte natürlich auch, dass er diverse Hardcore-Spielarten der Rave-Welt in seiner Jugend ausgetestet, dazu gefeiert und in sich aufgesogen hatte. Diese Synthese, wobei er die verschiedenen Elemente in eine dem Planeten Pop nähere Umlaufbahn überführte, deutete bereits an, was wenig später auch bei Soulection und PC Music passieren sollte. Schon 2012 landete er mit dem rastlosen TNGHT-Track „Higher Ground“ auf dem Radar von Kanye – weshalb er in den Jahren danach als Producer an Cruel Summer, Yeezus, The Life Of Pablo oder auch an Pusha Ts My Name Is My Name mitwirken sollte. Als 2015 dann der opulente Nachfolger Lantern herauskam, war Hudson Mohawke bereits zu einem der gefragtesten Studio-Wizards der Pop- und Rap-Welt avanciert. Parallel zur Arbeit an den eigenen Tracks produzierte er nunmehr auch für Leute wie Azealia Banks, Drake, Lil Wayne und Miguel.

Was jedoch nicht heißt, dass er damit im Rampenlicht angekommen wäre. Das war auch nie sein Plan: „Für mich ist es wahrscheinlich besser so, wenn ich etwas bescheidener unterwegs bin“, sinniert er laut über die Entwicklungen der letzten Jahre. Eine Phase, in der seine Karriere immer mehr Fahrt aufnehmen sollte, besonders nach dem Umzug nach Los Angeles vor einigen Jahren. „Ich will ja gar nicht in der Baumkrone sitzen und herunterbrüllen.“

Während viele Kollegen entweder auf irgendwelche Züge aufgesprungen oder vom Zug der Zeit überrollt worden sind, klingen die Produktion von Hudson Mohawke jedes Mal nicht nur absolut zeitgemäß, sondern mit einem Bein schon weiter – wie die nächste, sich gerade erst anbahnende Euphoriewelle. Dabei wurde sein Output immer breiter: TV, Filme, sogar Computerspiele waren dabei. Sein Soundtrack zu Watch Dogs 2Ded Sec – kam Ende 2016 raus. Und mit jedem Projekt drang er weiter zum Kern der aktuellen popkulturellen Landschaft vor und prägte diese Landschaft mit. Dass manche dieser kompromisslosen Projekte auch anonym und ohne Namensnennung stattfanden, machte seine Omnipräsenz nur noch unüberschaubarer.

Ein paar ausschweifende Singles und nur zwei Studioalben: Ein Blick auf diese verwirrend knappe Diskografie trügt natürlich, denn da war ja noch viel, viel mehr. Wobei vieles fast schon verloren zu sein schien: Schnipsel aus DJ-Sets, aus Radioshows & Co. Gerippte Versionen von einzelnen Tracks und Mixtape-Fragmente, die im Schattenreich der Web-Foren erfragt, geteilt oder diskutiert wurden. Nur: Mohawkes Musik, so majestätisch und maximalistisch wie man sie kennt, hat Besseres verdient, als in mieser Qualität auf irgendwelchen Reddit-Compilations als ewiges Bootleg zu existieren.

„Ich war irgendwie unzufrieden damit, dass diese ganzen Sachen nirgendwo offiziell erhältlich waren“, sagt er über den tatsächlich eher untypischen Entschluss, einige „dieser Sachen“ nun doch „richtig“ zu veröffentlichen.

Und als die Pandemiewelle und der Lockdown dann auch Hudson Mohawke dazu bewegte, das bisherige Leben und zurückliegende Entscheidungen zu überdenken, fragte er sich, wozu er denn überhaupt dieses ganze Material zurückgehalten und zusammengehamstert hatte. Sicher hatten auch die White Labels von früher und sein Background als DJ damit zu tun gehabt, doch während der Isolation in L.A. änderte sich seine Meinung. „Es liegt inzwischen einfach genügend Abstand dazwischen“, sagt er über diese Tracks, die zum Teil sogar aus der Mitte der Nullerjahre stammen. „Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sie einfach freigeben muss.“

Womit wir bei B.B.H.E. wären – einem Compilation-Album, wie ein Mixtape quasi, das seinen ungewöhnlichen Ansatz und seinen subversiven Witz aufzeigt, indem hier eben jene unveröffentlichten Tracks und sonstige Behind-the-Scenes-Aufnahmen von HudMo zusammenkommen. Zusammengenommen ergeben diese Stücke eine Art Genom: musikalische Stränge, die in seinem Werk miteinander verschmelzen. Zu den Highlights zählen der Roc-A-Fella-Funk von „Spruce Illest Bumper“ genauso wie der Space-Age-Boom-Bap-Sound von „Herberts“. Vom übersteuerten „Animo“ bis zu „Macanudo“, verschnürt Mohawke alles so, dass es letztlich in sein ganz eigenes Hip-Hop-Framework passt…

„Das ist etwas, dem ich mich so oder so unmöglich entziehen kann“, sagt er dann über diese frühen, prägenden Einflüsse, den Hip-Hop ab Mitte der Neunziger bis kurz nach der Jahrtausendwende, der den Kern seines Ansatzes als Songwriter und Produzent bildet. „Obwohl ich nie wirklich an Sachen arbeite, die exakt danach klingen, sind es dann doch meistens derartige Akkordfolgen, derartige Kickdrums und Snare-Sounds. Das basiert alles auf diesem unauslöschlichen Eindruck, der einfach da ist, wenn man in jungen Jahren diese Sachen gehört hat.“

Doch B.B.H.E. ist nur der erste Teil, denn Hudson Mohawke legt mit Poom Gems gleich das nächste Mixtape vor, wobei der manische Breakcore von „All I Need“ in diesem Fall die Richtung aufzeigt. Seine Rave-Sozialisierung schimmert im abstrakten „Behind A Frozen Waterfall“ durch, während auch „Things You Do“ für eine Überdosis Serotonin sorgt. Obwohl „Foam Finger“ wiederum in den Hip-Hop-Kosmos verweist, dreht sich Poom Gems insgesamt um seine elektronischen Einflüsse und darum, was er Innovatives daraus baut: Die orchestral-bombastischen Tracks „Need U Here“ und „Sweet Silverskin“ hätten ohne Weiteres auch auf Lantern erscheinen können, quasi zwischen den Singles „Ryderz“ und „Scud Books“. Es sind bewegte, zerklüftete Landschaften, krasse Gipfel und tiefe Täler, die er auf Poom Gems entwirft – persönliche Statements dieses Producers, der im Gespräch ein Mann der leisen Töne ist und überhaupt lieber die Musik für sich sprechen lässt.

Als ob zwei komplette Compilations nicht schon reichlich wären, gibt’s als Dreingabe noch Teil 3: Airborne Lard. Der abschließende Rundumschlag aus den tiefsten Tiefen seiner Festplatten komplettiert das Bild und liefert die letzten fehlenden Puzzleteile seiner Geschichte. Purer Dancefloor-Hedonismus und die uneingeschränkte Euphorie der ersten eigenen Cluberfahrungen als Teenager liegen beim Opener „Be Ur Fantasy“ in der Luft. Über dem Sample-Rundumschlag „Hands Of Time“ oder dem neptunischen Geklapper von „Juggler“ weht wiederum die generationenübergreifende Fahne des Hip-Hop, wohingegen der schrullige Glitch-Track „3_2“ die IDM-Tradition von Warp fortschreibt und „Cypress Phil“ als Beat-Exhibitionismus geahndet werden müsste.

Natürlich weiß Hudson Mohawke, dass eine Release-Strategie wie diese mindestens unüblich ist – nur hätte sich alles andere irgendwie nicht richtig angefühlt, hätte nicht seinem Bauchgefühl entsprochen. Was bei vielen anderen Künstlern unzusammenhängend und wenig überzeugend wirken würde, funktioniert bei Hudson Mohawke, wenn man dann erstmal etwas Abstand nimmt und sein bisheriges Werk als Ganzes auf sich wirken lässt. Er operiert einfach auf einem anderen, sehr viel größeren und höheren Level als der Rest.

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