EFTERKLANG "ALTID SAMMEN"

Sieben Jahre nach ihrer letzten Studioveröffentlichung, einer längeren Phase, in der es viele Veränderungen gab, die Bandmitglieder viel erlebt, sie viele Dinge überdacht und neue kreative Wege eingeschlagen haben, melden sich Efterklang mit ihrem fünften Album Altid Sammen zurück. Es ist ihr bislang eindrucksvollstes, schlüssigstes Werk, weil am längsten gereift: Mutig und ambitioniert, zugleich aber auch emotional fesselnd, klar verwurzelt. Den Kern dieser neuen Songs bildet noch immer jener Hang zum Experiment, der schon auf ihrem vor 15 Jahren veröffentlichten Tripper-Debüt (2004) ganz klar zu erkennen war. Wobei Efterklang heute noch natürlicher damit umgehen, noch elementarer wirken: Wie eine Urgewalt, die ihr ganzes Potenzial entfaltet.

Altid Sammen – das bedeutet „immer zusammen“. Der dazugehörige Sound: tief, klangvoll. Letztlich ist diese Kombination aus Akustischem und Elektronischem schon immer ihr Markenzeichen. Efterklang verstehen es, diese unterschiedlichen Ebenen dermaßen nahtlos in- und miteinander zu verweben, dass man kaum bemerkt, wie jedes Element das andere stützt. Nach der langen Pause stimmt das mehr denn je: Sounds aus dem digitalen Jetzt treffen auf barocke Klänge – und verbinden sich zu einem harmonischen Fundament, auf dem reichlich Platz ist für die warmen, gewichtigen Worte von Sänger Casper Clausen.

Mit ihrem gefeierten Vorgänger, Piramida, hatten die Dänen eine große Weltumrundung unternommen, einen Kurs eingeschlagen, der in einer Geisterstadt in der Arktis seinen Anfang nahm – und schließlich ins Opernhaus Sydney führte. Unterwegs zwischen diesen Polen entstand nicht nur ein Album, ihr viertes, sondern auch ein Film, dazu ein Live-Album, nicht zuletzt eine lange Serie von unvergesslichen Konzerterlebnissen, als sie Piramida rund um den Globus auf die Bühne brachten. Mit Altid Sammen verhält es sich ganz ähnlich: Auch dieses Album ist das Produkt einer langen Reise. Allerdings waren sich die drei Mitglieder – neben Sänger Casper Clausen auch Mads Brauer (Synthesizer, Electronics) und Bassist Rasmus Stolberg – gar nicht im Klaren darüber, dass sie diese Reise angetreten hatten. Das erkannten sie erst, als es zum Umkehren schon zu spät war. Angefangen hatte dieser jüngste Trip genau genommen mit einem Schlusspunkt...

Die Tournee zum letzten Album ging Anfang 2014 in die letzte Runde. Als großes Finale hatten Efterklang einen ganz besonderen Auftritt in Sønderborg geplant, jener Stadt im Süden Dänemarks, wo sie einst aufgewachsen waren. Und es war mehr als ein bloßes Heimspiel: Unterstützt von einem Chor, dem Sønderjyllands Symfoniorkester (South Denmark Philharmonic) und ausgewählten Ex-Mitgliedern und musikalischen Wegbegleitern, sollte dieses Konzert das Ende eines Kapitels markieren. Es war ein Schlussstrich. Nicht ohne Grund hatten sie den Abend als „The Last Concert“ angekündigt.

„Wir brauchten einfach eine Auszeit: Schluss mit der Routine, Schluss mit diesen ewigen Zyklen aus Albumproduktion und Konzerten. Und wir brauchten eine Auszeit von Efterklang“, erinnert sich Clausen. „Wir hatten das Bedürfnis, auf unserer Heimatinsel eine große Zeremonie zu veranstalten – für uns selbst und für alle, mit denen wir in den 10 Jahren davor zusammengearbeitet hatten; für unsere Familien und für all die Fans, die wir unterwegs kennengelernt hatten. Ein Kapitel also zu beenden und ein neues zu beginnen. Tabula rasa zu machen, unsere Freundschaft auf eine Probe zu stellen. Nach der Show fühlte sich das alles echt aufregend an... und auch ein bisschen beängstigend. Wir konnten wieder vollkommen frei denken, konnten ganz neue Richtungen einschlagen. Und uns einfach auf das konzentrieren, was wir drei gerade spannend fanden.“

Efterklang habe davor schließlich immer „sämtliche Energien gebündelt, allen Platz eingenommen, weil wir so ehrgeizig sind“, wie Stolberg ergänzt. Nun jedoch war wieder viel Raum: Raum für Neues. Neue Zusammenarbeiten. Für Projekte, die außerhalb der Grenzen dieser Band lagen.

Der womöglich gewagteste Schritt auf Neuland war der von Casper, Mads und Rasmus gemeinsam unternommene Versuch, eine Oper für das Copenhagen Opera Festival zu schreiben und aufzuführen, wofür sie sich auch den befreundeten Komponisten Karsten Fundal an ihre Seite holten. Das Publikum fand sich in einem Atomschutzbunker unter einem alten Krankenhaus wieder, während in jedem Zimmer unterschiedliche Stücke gespielt wurden – von der Band, von klassischen Musikern, von vier Opernsänger*innen und Clausen, der rückblickend über LEAVES: The Colour Of Falling sagt, es sei „noch so ein Exkurs“ gewesen, „der auf alles andere abfärben sollte, was seither passiert ist.“

Im Juli 2014 gründeten sie dann zusammen mit ihrem Tour-Schlagzeuger Tatu Rönkkö eine neue Band: Liima. „Eine von Grund auf neue Band“, so Clausen, „mit vier statt drei Mitgliedern. Liima hat uns echt die Augen geöffnet und uns wieder klar gemacht, was es eigentlich bedeutet, als Band zusammenzuspielen, gemeinsam Songs zu spielen und zu jammen.“ „Die Musik von Efterklang basierte an dem Punkt schon auf einem recht aufwendigen Prozess“, ergänzt Stolberg, „während der Ansatz von Liima schlichtweg lautete: ‘Lasst uns einfach loslegen, jeden Tag einen Song machen.’ Uns hat das in Erinnerung gerufen, dass Musik auch etwas ganz Unkompliziertes sein kann.“ Der kühle, opulente Electro-Pop-Entwurf von Liima war gerade deshalb so umwerfend, weil er so schlicht war – nachzuhören auf den Alben ii (2016) und 1982 (2017). Danach widmete sich Tatu wieder seinen Soloprojekten und anderen künstlerischen Arbeiten, wobei zukünftige Aufnahmen keineswegs ausgeschlossen sind.

Das nächste Projekt der drei Dänen ging wiederum in eine ganz andere Richtung – wobei dieser klangliche Abstecher zugleich den Weg ebnen sollte für die Rückkehr von Efterklang und das neue Album Altid Sammen. Das belgische Ensemble B.O.X. um Gründer und Lautenspieler Pieter Theuns, bekannt für moderne Musik mit barocker Instrumentierung, war an Casper, Mads und Rasmus herangetreten: Die Idee war ein gemeinsamer Auftritt beim von Theuns initiierten mixMass Festival in Antwerpen, das im Januar 2018 stattfand. Als echte Kollaboration geplant, nahmen die daraus resultierenden Kompositionen jedoch schon bald eine Eigendynamik an, und nach der Show stand für die drei Efterklang-Mitglieder fest, dass sie diese Arbeit auch im Studio festhalten wollten. „Ein echtes Hochgefühl war das, als wir von der Bühne kamen, und damit stand fest: ‘Lasst uns ins Studio gehen und das Ganze einfangen’“, erinnert sich Stolberg.

Zunächst also lautete der Plan, das Album zusammen mit dem B.O.X.-Ensemble aufzunehmen. Doch im Sommer des Jahres traten die drei Dänen in Berlin beim PEOPLE Festival auf – einer einwöchigen Veranstaltung im Funkhaus, bei der Musiker aus unterschiedlichen Ecken der (Musik-)Welt zusammenkamen, um zusammen zu spielen und temporäre Ensembles und neue Konstellationen zu bilden. Gut 150 Musiker waren da, unter anderem Kurt Wagner (Lambchop), Zach Condon (Beirut), Justin Vernon, Feist oder auch die Dessner-Brüder. Und, wie gesagt, das Trio, das nicht nur live vor Publikum mit alten und neuen Freunden kollaborierte, sondern auch einfach als Efterklang auftrat und weiter an den jüngsten Songideen feilte, nunmehr mit Unterstützung von wieder anderen Gästen. „Und da ging uns auf, dass wir uns mit diesen Songs noch intensiver befassen mussten. Das Potenzial war einfach zu groß, zu inspirierend“, so der Bassist. „Es war einfach Zeit für ein neues Efterklang-Album.“

Die eigentliche Aufnahmephase begann schließlich im Herbst 2018, wobei laut Brauer vor allem „dieses Bauchgefühl entscheidend war – einfach was spannend ist, was funktioniert“. Die Sessions waren zahlreich und fanden in etlichen Studios in ganz Europa statt: Mit B.O.X. im legendären Jet Studio in Brüssel; Klavieraufnahmen mit Kjartan Sveinsson und dem Kliður-Chor in den isländischen Sundlaugin Studios; weitere Sessions mit befreundeten Kopenhagenern und PEOPLE-Festival-Kontakten wie Joel Wästberg (Sir Was), Indrė Jurgelevičiūtė und Bert Cools (Merope) in mehreren Studios in der dänischen Hauptstadt. Eine sehr offene und zugleich intensive, auch zeitintensive Herangehensweise, inspiriert, so Clausen, von persönlichen Helden wie My Bloody Valentine, Spiritualized und Talk Talk. Die so entstandenen Aufnahmen trugen sie schließlich in ihrem eigenen Studio in Kopenhagen zusammen (von wo aus auch der eigene Freestyle-Radiosender The Lake sendet), um weiter daran zu feilen...

Die meisten der neuen Songs waren zu Beginn derart luftig konzipiert, dass darin auch die Barock-Elemente der Belgier ausreichend Platz hatten. Obwohl die Stücke seither viele Entwicklungsstadien durchlaufen sollten und inzwischen durchaus anders klingen, sind die Beiträge des B.O.X.-Ensembles noch immer an zahlreichen Stellen des Longplayers zu hören; es sind zusätzliche Farbschattierungen, die aber nicht tonangebend sind. Das reduzierte Less-is-more-Motto, auf dem Altid Sammen insgesamt basiert, garantiert stattdessen den nötigen Raum für die vielen improvisierten Gastbeiträge ihrer Mitstreiter, die Efterklang auswählen und bearbeiten sollten, um diese besten Momente zu etwas vollkommen Neuem zusammenzufügen.

Und es gab noch mehr Dinge, die nicht der gewohnten Herangehensweise entsprachen: Wie der Albumtitel bereits erahnen lässt, singt Clausen auf Altid Sammen erstmals auf Dänisch. „Für mich eine vollkommen neue Art des Ausdrucks“, berichtet der Sänger, „obwohl es sich natürlich auch irgendwie wie eine Heimkehr anfühlt – schließlich ist es meine Muttersprache. Die Idee, es überhaupt mal zu probieren, kam mir während unseres Auftritts mit dem B.O.X.-Ensemble in Antwerpen. Alle um mich herum sprachen dort Flämisch, was übrigens viele Parallelen zum Dänischen aufweist. Um mit dem Ensemble so unmittelbar wie möglich zu kommunizieren, fragte ich mich irgendwann: Wozu überhaupt auf Englisch singen? Ich liebe so viele Songs, die in Sprachen eingesungen sind, von denen ich kein einziges Wort verstehe. All diese verschiedenen Sounds... und wie sie unsere Münder, unsere Lippen und unsere Gesten beeinflussen und formen...“    

Erstmals auf Dänisch verfasst, sind die Texte aus seiner Feder so persönlich wie nie zuvor. „Die Stücke von Altid Sammen handeln vom Glauben, von Zusammengehörigkeit“, holt Clausen aus. „Aber nicht im religiösen Sinne; keiner von uns glaubt an eine der existierenden Religionen. Die Worte ergeben eine Sinnsuche – die Suche nach Sinn in Beziehungen, in der Natur, im Tod, in der Ewigkeit. Es geht um die Bindungen, die wir eingehen: wie wir uns versammeln, Hände halten, singen, Momente gemeinsam erleben. Wir alle sind miteinander verbunden, über Ländergrenzen hinweg, unabhängig von Alter oder Geschlecht. Unabhängig von unserer jeweiligen Vorgeschichte kommen wir zusammen und bewegen uns auch wieder in ganz unterschiedliche Richtungen auseinander, immer zusammen.“

Das Resultat dieser vielen Reisen, dieser vielen Experimente und Erfahrungen, sind die besten Aufnahmen ihrer Karriere. Dabei ist es kein „Reunion“-Album, schließlich waren die Bande zwischen ihnen nie zertrennt – auch wenn der Titel „The Last Concert“ das vermuten ließ.

Und doch ist es eine andere Band, die man auf Altid Sammen zu hören bekommt. Es sind andere Menschen als diejenigen, die etwa Piramida aufgenommen haben. „In den letzten fünf Jahren ist uns einfach klargeworden, dass wir Efterklang heute ganz anders sehen. Mit vollkommen anderen Augen, aus einer frischen Perspektive“, sagt Stolberg abschließend. „Es fühlt sich also schon wie ein Neuanfang an. Ich finde, dass es da eine neue Energie gibt, die entsteht, wenn wir zusammen sind. Und dass wir uns alle sehr verändert haben als Individuen.“

Info

Artist: Efterklang

Album: Altid Sammen

VÖ: 20.09.2019

Label: 4AD

Vertrieb: Indigo


EFTERKLANG LIVE

10.2.20 Berlin, Admiralspalast
11.2.20 Leipzig, Werk 2
12.2.20 Frankfurt, Mousonturm
13.2.20 München, Muffathalle
14.2.20 Wien, Gasometer
25.2.20 Hannover, Pavillon
27.2.20 Köln, Gloria

www.efterklang.net

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