DARKSTAR

Darkstar veröffentlichen ihr neues Album Civic Jams am 19. Juni 2020 via Warp Records/ Rough Trade als CD/ LP/ Digital

Darkstar veröffentlichen ihr viertes Album: Civic Jams erscheint am 19.06.2020 bei Warp Records. Ihr bislang persönlichstes Albumstatement, verschränken Darkstar auf Civic Jams Eindrücke und Beobachtungen aus ihrer Heimat mit Erfahrungen aus ihrer Community. Sie selbst bezeichnen den vierten Longplayer als Negativaufnahme eines Dance-Albums: Als Werk, das von einem Dialog zwischen sphärischen Shoegaze-Stimmungen und dem „Hardcore-Kontinuum“ der britischen Bass Music geprägt ist.

Auch dieses Mal richten Darkstar ihren Blick ganz konkret auf die Heimat – bewegen sich aber zugleich, wie mit jedem neuen Album, noch weiter hinein in emotionale, nicht greifbare Sphären. Seit der Veröffentlichung ihres North-Debütalbums, für das sie 2010 auf introspektive Weiten setzten, haben Darkstar ein gewaltiges Klangspektrum abgedeckt: 2013 ging es um utopische Gesellschaftsvisionen (News From Nowhere), und zwei Jahre später klang die Stimmung im Norden Englands wieder ganz anders (Foam Island), indem sie die Gefühlslage zu Beginn der Brexit-Debatten einfingen. Auf ihrem neuen Album liegt die Heimat nun in greifbarer Nähe: Aiden Whalley und James Young verarbeiten die jüngsten Entwicklungen in den Tracks und geben dabei nicht nur mehr von sich selbst preis, sondern zeigen auch immer wieder, wie politisch das Private letztlich ist. So klingt emotionaler Realismus, aus Rave-Restlicht und -Echos gestrickt, verankert in zeitlosem Songwriting über Liebe und Verlust, aufgenommen im digitalen Hier und Jetzt.

„Wir wollten diese Brüche und dieses Nebeneinander unter die Lupe nehmen – wie komfortabel man sich fühlen kann, obwohl wir doch in einer von Klaustrophobie geprägten Zeit leben, in der massive politische und kulturelle Umbrüche stattfinden“, sagen Darkstar über Civic Jams. „Der Fokus liegt dabei auf handfesten Räumen... dass man zum Beispiel gerade die letzte Mahnung zum Steuerbescheid aus dem Umschlag gezogen hat und trotzdem auf einen Rave geht. Die Resignation, wenn man was trinken geht und dazu lautstark die Brexit-Dauerbeschallung im Hintergrund läuft. Die Sonnenstrahlen trotzdem genießen zu können, obwohl gerade schon wieder so ein Anruf mit so einer seltsamen Vorwahl auf deinem Handy aufblinkt und weiß Gott was von einem will. Wir wollten diese Momente herausstellen, in denen man Ausgleich für diesen ganzen alltäglichen Mist findet, und über einen Ort oder eine Community eine Balance herstellen kann, weil man sich zugehörig fühlt, was die Sache etwas erträglicher macht.“

„Ganz trivial haben wir zum Beispiel über Schulden geschrieben – über dieses ‘Scheiß drauf’, dieses ‘Kann ich doch auch morgen erledigen’. Haben über den alternativen Brex-IN nachgedacht als Gegenentwurf zum Brex-IT. Über Anschluss statt Ausschluss. Haben festgestellt, wie tröstend so eine Kneipe doch sein kann: Wie gut es tut, einfach mit deinem besten Freund zu quatschen. Und wir haben uns gefragt: Wenn alles nun ganz anders wäre – hätte es dann noch denselben Reiz?!“

Indem sie abermals eine neue Richtung einschlagen, präsentieren Darkstar auf Civic Jams eine übersichtlichere Klangpalette: Geradlinig, minimalistisch, größtenteils mid-range. Heruntergepitchte Beats treffen auf Synthie-Melodien – was zusammen extrem schlüssig und vielsagend klingt. Dazu kommen jeweils ganz unterschiedliche Farbnuancen und Schattierungen zum Einsatz, um Stimmungen zu etablieren: Die Blautöne von „Loon“ etwa, die auch beim mystisch aufgeladenen Lo-Fi-Track „Jam“ anklingen, verweisen auf die endlosen Brexit-Debatten, die in den letzten Jahren geführt wurden. Der Titel „Loom“ steht dabei für einen Alternativentwurf: Anstatt sich einen „sich anbahnenden“ (engl. looming) Exit (aus der Staatengemeinschaft) vorzustellen, wollen sie sich einer Sache anschließen – join ist ihr Gegenmotto. Die erste Auskopplung „Wolf“ handelt von einem ominösen Etwas, das einen verfolgt, einen einholt – was man auch in der extrem dichten, eindringlichen Instrumentierung sofort spüren kann. 

Auch ganz andere Aspekte des Alltagslebens – schöne wie schmerzhafte Gefühle – haben ihren Platz auf dem neuen Album von Darkstar: „1001“ handelt davon, einen Moment in einer späteren Generation wiederzuerkennen; die Gesangs-Snippets von „Text“ hingegen handeln vom Verlust eines geliebten Menschen – und von der Anmut, die automatisch mit diesem Abschied verbunden ist. Dabei sind es ein paar Instrumental-Passagen, die das Gefühl von süßer Melancholie am besten transportieren; sie bilden den Gegenpol zu Whalleys ernstem Gesang, der sich über die Jahre zum Kernstück ihrer Kompositionen entwickelt hat.

Ein Track wie „Tuesday“ erinnert eher an Partys aus den Anfangstagen des neuen Jahrtausends – an endlose Nächte in Clubs wie The Void oder Plastic People. Die sich endlos wiederholende Phrase „Dollar up“ hat dabei sogar etwas von der unbekümmerten Rave-Euphorie der Neunziger. Auch Ambient-Tracks wie der Eröffnungstitel „Forest“ oder „Blurred“ kommen direkt zur Sache, wenn zwischenzeitlich sogar Garage-House-Elemente oder auch Orgel-Samples aus der Union Chapel aufflackern.

Jeden Tag wird es leichter, in Rückzugsmuster zu verfallen – wo doch jene öffentlichen Orte, an denen Menschen auftreten, einfach Zeit miteinander verbringen, tanzen und protestieren allesamt nacheinander schließen müssen. Civic Jams richtet den Blick auf das, was da verloren geht – und geht mit denen, die trotzdem zusammenhalten, den nächsten Schritt. Es gewährt einen abstrakten Blick auf die Nuancen des Lebens, auf die Suche nach etwas, an dem man sich festhalten kann, weil es die ganze Sache lebenswerter macht.

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Nachdem sie im Jahr 2008 erste Tracks bei Hyperdub veröffentlicht hatten, setzten Darkstar schon für ihr Debütalbum North (2010) auch auf Vocals und avancierten so zu einem der einflussreichsten Acts der britischen Dance-Szene. Auf den News From Nowhere-Nachfolger (2013) und Aufnahmen mit Künstlern wie Actress, Wild Beasts und Zomby folgte 2015 das dritte Album Foam Island: Das ambitionierte Werk zelebrierte einerseits die unendlichen Möglichkeiten im Bereich der elektronischen Musik – andererseits spielten hier aber auch erstmals politische und gesellschaftliche Themen eine sehr viel größere Rolle. Tatsächlich war der Produktion eine dreimonatige Phase vorweggegangen, in der Darkstar ausschließlich Interviews mit jungen Menschen im nordenglischen Huddersfield durchführten; diese Stimmungen und Stimmen flossen dann direkt in den Sound von Foam Island ein.

In den letzten Jahren arbeiteten Darkstar dann u.a. mit Empress Of (XL) und Gaika (Warp) zusammen; außerdem kollaborierten sie mit der Regisseurin Lucy Luscombe, wirkten an Tanz-Choreographien von Holly Blakey (Mika Levi) mit und zeichneten für den Soundtrack des Kurzfilms Dreamlands verantwortlich, der in Cannes nominiert werden sollte.

Zusammen mit ihrem Video-Regisseur Cieron Magat schufen sie danach den Film (& Live-Soundtrack zu) SAFE, der im Sommer 2017 beim Berliner „Pop Kultur“-Festival Premiere feierte und wiederum eine dokumentarische Herangehensweise mit ihrer Musik zusammenbrachte. Danach bekamen sie von PRS den Auftrag, für die britische Kulturhauptstadt Hull (2017) ein Stück für die New Music Biennial zu schreiben: Das Resultat, betitelt „Dance Unity“, wurde schließlich auch in der ausverkauften Royal Festival Hall zusammen mit dem berühmten Organisten James McVinnie aufgeführt. Daran anknüpfend komponierten McVinnie und Darkstar neue Musik für das Organ Reframed-Festival, die sie 2018 zusammen mit dem Organisten und dem London Contemporary Orchestra in der Union Chapel präsentierten. Zwei der neuen Kompositionen präsentierten sie 2019 auch in der Queen Elizabeth Hall bei Unclassified Live.

Darüber hinaus tat sich das Duo mit Metal Liverpool, dem Arts Council England und dem Harthill Community Centre für eine Installation/Performance zusammen, für die sie mit Teenagern aus Migrantengruppen arbeiteten. Die abschließende Performance TRACKBED führten sie im Londoner Barbican Centre auf.