DANNY BROWN "UKNOWHATIMSAYIN¿"

Das neue Danny Brown Album uknowhatimsayin¿erscheint am 4.10. digital, am 22.11. als CD/LP auf WARP!

Das Album wurde von Q-Tip mit zusätzlichen Produktionen von Paul White, Flying Lotus, Standing on the Corner und Features von Run The Jewels, Obongjayar, JPEGMAFIA und Blood Orange produziert.

Als Danny Brown im Jahr 2017 bekanntgab, dass eine gewisse Legende der HipHop-Welt, deren Namen er jedoch noch nicht verraten wollte, bei seinem kommenden Album als Executive Producer mitmischen würde, glühten die Server rund um den Globus, weil immer neue Spekulationen und Gerüchte in den Foren und Kommentarspalten die Runde machten. Es hätte jeder sein können: DJ Premier oder RZA, Alchemist oder DJ Muggs, Juicy J oder Mannie Fresh. Schließlich reden wir hier von The Hybrid, dem innovativsten Rap-Impresario der letzten Dekade, jenem menschgewordenen Brückenschlag zwischen aggressiv-experimentellem Euro-Dance und einem wildem Straßenrap-Entwurf, der so hart ist, dass man seine Nasenbeine aus der Schusslinie holen sollte, wenn Danny ans Mic geht. Ein Schürzenjäger mit Zahnlücke, mindestens so high wie Hunter S. Thompson, aber zugleich ein ernsthafter Student der Musik, der Kultur, genauso bewandert in Bowie wie in Boom-Bap, Spezialist in Sachen esoterischem Grime aus UK und Detroit-Techno, Southern Trap und Stand-up Comedy.

Nur sehr wenige lagen hinterher richtig mit ihrem Tipp: Kaum einer hatte nämlich damit gerechnet, dass Danny Brown für uknowhatimsayin¿, sein zweites Album für Warp, auf Q-Tip von A Tribe Called Quest als Executive Producer setzen würde. Dabei lagen die Gründe eigentlich auf der Hand: Schließlich reden wir hier von The Abstract, dem enigmatischen Genie, auf dessen Konto ein paar der größten HipHop-Aufnahmen aller Zeiten gehen – und der sich alle fünf, sechs Jahre zurückmeldet und ein weiteres Klassikeralbum vorlegt, um sich dann wieder in den Olymp zurückzuziehen (oder womöglich auch in sein Studio in New Jersey). Das letzte Studioalbum, an dessen Postproduktion er mitgewirkt hat (und das weder ein Solo- noch ein ATCQ-Album war), erschien Mitte der Neunziger: The Infamous von Mobb Deep. Doch wenn man mal etwas länger über diese Kombination nachdenkt, dann gibt es ehrlich gesagt kaum eine Paarung im Reich der Rap-Unsterblichen, die naheliegender und natürlicher wäre als diese: Q-Tip + Danny Brown.

Genau wie für Q-Tip und die Native Tongues-Bewegung, die er mit anführen sollte, gab es auch für Danny Brown zunächst keine Nische, keinen Platz. HipHop zu Beginn des Jahrzehnts, das war entweder Autotune-geschönter Hedonismus oder nihilistischer Trap-Sound. Der Underground? Lag im Koma. Gangsta-Rap fühlte sich ausgelutscht und elliptisch an. Und plötzlich tritt der Adderall Admiral auf den Plan, Erbe von einem halben Dutzend schräger Traditionen. Bahnt sich einen Weg, der so krass anders ist, weil er Sachen zusammenbringt, die ohne ihn wohl nie kombiniert worden wären. Angetrieben von „Pac Blood“ und MDMA, trägt er Leder wie ein Rockstar, rockt dazu geglättet-frei schwebendes Haar wie Suga Free in einer Postpunk-Combo. Und der Mann aus Motor City weiß, wie man ausgekochte Anekdoten über all die unterschiedlichen Pharmazeutika der Straße mit schrulligem Humor und einem explosiven Arsenal verbaler Übertreibungen zusammenbringt.

Im Verlauf seiner ersten vier Alben - The Hybrid, XXX, Old, Atrocity Exhibition, alle vier Kritikerfavoriten – verschnürte er die musikalische Gefräßigkeit von Tribe mit dem zerstückelt-absurden Humor von De La Soul, den 4/4-Takt-Club-Smashes der Jungle Brothers und dem krassen Sound von Chi Ali. Es passt also ins Bild, wenn er heute sagt: „Ich fühle mich wie der jüngste Neuzugang bei den Native Tongues.“

Mit seinem neuesten Meisterwerk unterstreicht er dieses Statement. uknowhatimsayin¿ markiert den Auftakt zu einem neuen Kapitel in der Karriere von Danny Brown. Es ist eine deutliche Abkehr von der wilden Abwärtsspirale, die Atrocity Exhibition ausmachte; hin zu etwas Neuem, das die düsteren Elemente um gefährlich gezahnten Humor erweitert. Wer sonst würde eine Zeile wie diese raushauen: „I eat so many shrimp I got iodine poisoning/bitches on my dick ‘cuz I look like Roy Orbison.“ Auf die wären sowohl Pimp C als auch The Based God stolz gewesen...

„Das ist meine Version von einem Stand-up-Comedy-Album“, sagt Brown. „Ein Großteil meiner engsten Freunde hat nichts mit Rap am Hut – es sind eher Comedians und Schauspieler. Also wollte ich mal etwas machen, bei dem Humor und Musik ineinandergreifen. Etwas, das lustig ist, aber keine bloße Parodie.“

Und natürlich klingt das alles dann doch auch wie ein Danny-Brown-Album – es gibt also auch Zeilen über gestohlene Waagschalen aus dem Chemieunterricht, über gemeinsame Knastaufenthalte mit fauligen weißen Jungs, mit denen man sich die Zelle im Wayne County Jail teilen muss. Mehr noch: Auch dieses Beißende, Grimmige, was man von dem Allrounder mit eigener Viceland-Show (Danny’s House) erwarten würde, flackert immer wieder auf. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sein aktueller Freundeskreis so verdammt komisch ist.   

Nicht bloß, um auch noch den Spirit von Richard Pryor durchs Studio wehen zu lassen, hat Danny dieses Mal ein gewaltiges Künstler- und Kollegen-Kollektiv um sich herum aufgestellt. Er selbst fungiert dabei quasi als gemeinsamer Nenner, Danny Brown als sein eigenes Genre, und er holt z.B. Standing on the Corner, Paul White und Blood Orange dazu, um den erschütternden Street-Lingo-Rundumschlag „Shine“ auszupacken. Run the Jewels helfen ihm dabei, einen JPEGMAFIA-Beat, der inkl. Yoko-Ono-Sample daherkommt, zu pulverisieren („3 Tearz“), und Peggy selbst darf dann noch mal auf „Negro Spiritual“ ans Mic, um einfach Scheiße zu labern – hier über einem Alien-Funk-Gerüst aus dem 38. Jahrhundert, produziert von Flying Lotus. Und just in dem Moment, wo der Kopf den Beat findet und zu nicken beginnt, fährt einem Danny mit folgender Zeile in die Parade: „I’m on par like Tiger Woods [and] two white broads off three Xanax, drunk driving in a rental car.“

Als Aufseher angeheuert, hat Q-Tip die Genese des ausufernden Wahnsinns überwacht, obendrein gleich drei eigene Beats beigesteuert („Best Life“, „Dirty Laundry“, „Combat Zone“) und überhaupt dafür gesorgt, dass jeder Drumsound, jeder Mucks am Mikrofon, jedes Echo auch wirklich sitzt und perfekt klingt. Tatsächlich mussten nicht wenige Parts immer und immer wieder aufgenommen werden, bis die endgültige Version auch wirklich zu 100% der ursprünglichen Idee entsprach.

„Spielraum für Fehler gab es keinen“, sagt Brown, „weil Q-Tip mit mir unbedingt an die Ära der ‘größten Rapper aller Zeiten’ anknüpfen wollte. Ich musste daher quasi neu lernen, wie man überhaupt rappt – das alte Ego musste dafür erst draufgehen, wenn man so will. Meine ganze Einstellung zur Musik hat er auf den Kopf gestellt. Und ich kann jetzt auch unmöglich zu meinem alten Ich zurückkehren.“

Und so schließt sich mit dieser Veröffentlichung für beide, Brown und Q-Tip, ein Kreis. Fast ein Vierteljahrhundert ist es inzwischen her, dass Q-Tip den damals noch recht unbekannten J Dilla zum Producer-Kernstück von The Ummah gemacht hat. Und jetzt segnet er das neue Album von einem der größten MCs, die Detroit hervorgebracht hat – jenen Rapper, der erstmals mit einem Track namens „Dilla Bot Vs. The Hybrid“ auf sich aufmerksam machen sollte (vom Album Jay Stay Paid, das postum erschien). Tip war es auch, der A-Trak empfahl, Brown schnell einen Vertrag anzubieten, ihn damals zu seinem Label Fools Gold zu holen. Und auch Ali Shaheed Muhammad stand Danny Brown in den letzten zehn Jahren immer wieder als Mentor zur Seite... er bezahlte sogar Browns allererstes Macbook.

Alles Stationen, die letztlich zu uknowhatimsayin¿ geführt haben – dem wahrscheinlich deutlichsten Beleg dafür, dass Danny Brown zu den essentiellsten Entertainern, Geschichtenerzählern und Stimmen seiner Generation zählt. Es ist das neueste kompromisslose Werk eines Virtuosen, der genau weiß, wie man Comedy-Einlagen als brutales Instrument einsetzt. Ein Hauch von Paranoia liegt in der Luft, auch Schuldgefühle und Ängste, wie sie Überlebende kennen, aber zugleich sind da diese ultrakrassen Punchlines, echte Hymnen, die selbst dickste Boxen in Schutt und Asche legen können. Schon im Eröffnungstrack lautet Browns Mantra „I will never look back, I will never change up.“ Genial daran mal wieder, dass diese Zeile alles Mögliche bedeuten könnte – aber zugleich weiß man ganz genau, was er damit meint.