!!! "Wallop"

Warum fühlt es sich eigentlich so an, als würden neuerdings alle um einen herum permanent ausrasten? Ist es nicht so? Wobei: Für !!! ist das genau genommen gar kein so neues Gefühl. Immerhin vertont die Dance-Punk-Institution aus NYC die fortdauernde Kernschmelze der US-amerikanischen Gesellschaft nun schon seit knapp 20 Jahren. Angefangen bei ihrer unmissverständlichen Single „Me and Giuliani Down by the Schoolyard (A True Story)“ aus dem Jahr 2003 bis hin zum düsteren Disco-Sound des grandios eklektischen Shake the Shudder-Albums von 2017...

Auch für ihr achtes Studioalbum – Wallop; zu Deutsch etwa: Dresche – bleibt die Band ihrem Ansatz treu und zapft kurzerhand unser kollektives Nervensystem an, um Gemeinwesen und Staatskörpern ein paar gehörige Schockwellen zu verpassen – natürlich auf Funk-Basis, mit Starkstrom und ohne Scheuklappen. Wer sich also zuletzt häufiger an der Stirn gekratzt und dabei über die Frage nachgedacht hat, ob nun wirklich alles um uns herum in die Brüche geht – nun, der sollte genauer hinhören: Denn !!! liefern den Soundtrack zum nächsten (Nerven-)Zusammenbruch.

Wie eine apokalyptische Jukebox, ist Wallop randvoll gepackt mit Sounds und Styles aus der Geschichte der Dance-Musik: vom druff-psychedelischen Dance-Rock („Rave“), den man einst aus Manchester exportierte, über Techno mit Tunnelblick bis hin zu denjenigen Bassbomben, die in der UK-Grime-Szene gezündet wurden und werden. Gerade die mit einer Zuckerschicht überzogenen 90s-Rave-Elemente passen sehr gut zur verspielt-düsteren Atmosphäre von Wallop – weil sie an eine andere Ära erinnern, in der schon mal dieses Gefühl aufkam, dass alles jeden Moment auseinanderfallen und zu Ende gehen könnte. „In diese ganze Neunziger-Nostalgie einzusteigen war super für uns“, sagt Frontmann Nic Offer, wenn man ihn auf den Herzschlag ihres achten Albums anspricht. „Schließlich kenne ich die ganzen Sachen aus den Achtzigern ja schon ewig. Nur was genau war eigentlich in den Neunzigern los? Wir haben nämlich ehrlich gesagt einen Großteil des Jahrzehnts damit verbracht, uns Sachen von James Brown anzuhören.“

Aufgenommen haben !!! ihr neues Album im Laufe des letzten Jahres in Brooklyn, und zwar in Offers Wohnung – ein Novum für die Band. Die ganz klar wichtigsten Zutaten während der Arbeit: Neugier, Experimentierfreude. „Ja, das sah so aus, dass wir uns erst mal locker gemacht haben, um dann zusammen neues Terrain zu erkunden“, so Offer. Konkret bedeutete das, auch mit Geräten zu arbeiteten, mit denen sie sich gar nicht so richtig auskannten, neue Sounds aus ihnen herauszuholen und angestammte Freunde ans Mikrofon zu bitten. Angus Andrew etwa, den Frontmann von Liars. Maria Uzor von Sink Ya Teeth aus UK. Synth-Pop-Kollegin Glasser (Cameron Mesirow). Zusammen mit Meah Pace, der zweiten Sängerin von !!!, haben sie eine astreine Party bei Offer veranstaltet und auf Platte gebannt.

„Wir hatten nun mal diese ganzen Instrumentaltracks, die wir gut fanden – und die haben wir dann einfach an verschiedene Leute rausgeschickt“, erzählt Offer weiter über die vielen Kollaborationen, die auf Wallop zu hören sind. „Wir tendieren dazu, zu lange über das Songwriting zu brüten, zu viele Aufnahmevarianten auszuprobieren, also schicken wir die Resultate einfach an Freunde, die dann darüber abstimmen dürfen. Wir wissen auch nie so genau, was wir da eigentlich machen, bis es dann fertig ist. Das Album hätte also genauso gut komplett düster sein können – oder komplett poppig.“

„Überhaupt sind wir keine von diesen Bands, die sich hinsetzen und sagen: ‘Kommt, wir machen jetzt ein neues Album’“, erklärt Produzent und Multiinstrumentalist Rafael Cohen. „Wir machen einfach immer weiter, was sein Gutes hat, weil jedes einzelne Album dadurch nicht ganz so klar abgegrenzt und von einem narrativen Rahmen definiert ist.“ Indem sie eine ganze Reihe von Produzenten zu sich in die Wohnung baten – unter anderem Cole M.G.N. (Ariel Pink’s Haunted Graffiti, Julia Holter), Graham Walsh (Holy Fuck) oder auch Patrick Ford, mit dem sie schon zuvor häufiger gearbeitet hatten –, entwickelte sich Wallop schließlich zu jenem kaleidoskopisch-tanzbaren Rundumschlag, der nun erscheint.

Das gesellschaftliche und politische Klima, in dem Wallop entstanden ist, war natürlich ein ganz anderes als das während der Arbeit am Shake the Shudder-Album davor – nur mussten Offer und Cohen feststellen, dass es sehr viel schwieriger als erwartet war, diese Umstände auch ganz offen anzusprechen. „Ja, jeder politische Song, den wir machten, war irgendwie Mist“, gesteht Offer. Dieses staunend-blauäugige Gefühl der Paranoia, das immer wieder durchschimmert, habe sich schließlich aber doch seinen Weg in die Songs gebahnt. „Als wir dann versuchten, einen Bogen um diese Themen zu machen, sickerte das alles wie von selbst durch und tauchte doch wieder in der Musik auf.“

Und so spiegelt Wallop also doch wider, wie die Mitglieder von !!! diese eigentümliche gesellschaftliche Lage empfinden, wie es sich für sie anfühlt zu leben in einer Ära, in der sich so viele Paradigmenwechsel abzeichnen: Die IDM-Sounds von „Domino“ umspülen die widersprüchlichen Gefühle, die Gentrifizierungsmaßnahmen vor der eigenen Haustür auslösen. „UR Paranoid“ hat einen ähnlich rasenden Puls, wie ihn spiralförmige Existentialismus-Exkurse und nächtliche K-Hole-Zustände gleichermaßen mit sich bringen – ein Nachdruck, der ganz klar aus ihrer Liebe zu Clubmusik gespeist ist. „Wir versuchen eigentlich immer, astreine Clubsachen abzuliefern. Daher kommt doch unser Sound“, sagt Cohen, und Offer ergänzt: „Wir sind im Grunde genommen schon klassische Songwriter, aber die Musik, die uns antreibt, stammt nun mal aus dem Club. Da passiert andauernd was; für uns ist das eine wichtige Inspirationsquelle.“

„Off the Grid“ pulsiert und kräuselt sich fast schon wie ein Primal-Scream-Song aus der XTRMNTR-Ära, „Slow Motion“ zapft direkt die Energie von Frühneunziger-Trip-Hop und elektrifiziertem Rock an, während „This Is The Door“ ganz klar in Richtung Disco weist. Nach urbanen Beats und soften Vocals von Cohen („Couldn’t Have Known“), geht der krasse Beat von „Serbia Drums“ – der Name verrät es schon – auf einen Serbien-Trip zurück: Schlagzeuger Chris Egan nahm ihn während einer Tournee mit dem iPhone auf. „Chris kommt ja wie ich auch aus D.C., und der Groove geht einfach voll in Richtung Go-Go-Sound aus den Siebzigern“, so Cohen.

Unterm Strich klingt Wallop nicht nur nach den wirren, zerrütteten Zeiten, in denen das Album entstanden ist. Es spiegelt nämlich auch ganz einfach die kreative Herangehensweise von !!! wider: Nie aufzuhören, immer weiter zu suchen, sich nie auf einen Sound festzulegen. „Wir arbeiten sehr intensiv und versuchen letztlich immer, das Beste für so ein Album aus uns herauszuholen“, sagt Offer. „Wir haben da eine klare Regel, die besagt, dass wir uns immer wieder selbst herausfordern müssen. ‘Was haben wir noch nicht probiert?’“ Und wenn daraus immer wieder so überraschende, druckvolle und kaleidoskopische Klangwelten wie die von Wallop hervorgehen – dann kann man nur hoffen, dass !!! diese Regel nie aus den Augen verlieren.

 

 

Info

Artist: !!! (ChkChkChk)

Album: Wallop

VÖ: 30.08.2019

Label: Warp Records

Vertrieb: Roughtrade

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!!! LIVE
06.12.19 Berlin - Lido
07.12.19 Frankfurt - Zoom


http://chkchkchk.net

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