Cassius

Das neue Album Dreems erscheint am 21. Juni 2019 via Ed Banger/ Because/ Caroline

Manchmal geht alles plötzlich doch ganz schnell: Exakt 20 Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums 1999, einem der absoluten Klassiker des French Touch-Genres (auch als French House bekannt), melden sich Philippe „Zdar“ Cerboneschi und Hubert „Boom Bass“ Blanc-Francard diesen Sommer mit ihrem fünften Studioalbum Dreems zurück! Als „Songs von wiedergefundener Unschuld“ würde Étienne Daho, noch so ein Ibiza-Kenner, diese 12 brandneuen Aufnahmen wohl bezeichnen, die am 21. Juni 2019 bei Caroline Records erscheinen. Und tatsächlich lag die Veröffentlichung des ambitionierten, extravaganten Vorgängers Ibifornia (2016) noch keine drei Jahre zurück, als die beiden Franzosen wieder loslegten: „Wir haben uns im Studio eingeschlossen, weil wir an diese alte Spontaneität, ja, an diesen Spaßfaktor von damals anknüpfen wollten, ohne uns großartig einen Kopf zu machen.“ Alles sollte ganz unkompliziert, ganz einfach sein – denn diese Simplizität sei ihnen über die Jahre ein wenig abhandengekommen. Und während wir geschlagene 10 Jahre nach der Veröffentlichung von 15 again hatten warten müssen, sollte dieses Mal alles ganz schnell gehen. Richtig schnell: Zunächst sprachen die beiden Freunde sogar davon, alles in nur drei Wochen aufzunehmen. Daraus sollten zwar hinterher doch immerhin drei Monate werden – aber auch das ist nichts auf der ausgedehnten Zeitachse, die das Cassius-Universum durchzieht...

Der Ausgangspunkt war „Fame“: Der Track war schon auf der 2017 veröffentlichten Ed Banger-Compilation Ed Rec 100 vertreten – klingt hier aber sehr viel massiver, wie ein Update auf Aufputschmitteln. Nach dieser Verneigung vor dem Achtziger-Synthiepop von Flash and the Pan, wobei sie sich auch vor Pedro Winter verneigen, der Cassius im Jahr 2011 mit der EP The Rawkers (auf der auch das grandiose „I <3 U SO“ vertreten war) gewissermaßen zurückgeholt hat, wollten Zdar und Boom Bass das neue Album wie ein DJ-Set aufbauen: „Wir fragten uns also, was vor ‘Fame’ kommen musste – und was für ein Track danach kommen könnte. Und so sollte jeder Track zu Vorgänger und Nachfolger passen, was uns das Arbeiten sehr erleichtert hat. Jeder Schluss definierte den nächsten Anfang, und so weiter, wie bei einem DJ-Set.“

Tatsächlich ist die finale Tracklist von Dreems nahezu identisch mit der Reihenfolge, in der die neuen Tracks entstanden sind: „Fast & Furious“ lautete ihr Motto im Studio, und eine wichtige Rolle spielten dabei auch immer wieder ihre House-Wurzeln, die sonst vor allem live bzw. in ihren DJ-Sets durchschimmern, zuletzt im Studio aber vielfach von komplexen Popstrukturen überlagert worden waren. House Music lautete auch bei einem anderen Titel, der für die Albumentstehung wichtig war, das Stichwort: „W18“, ein Update zum eigenen, 2002 veröffentlichten Hit „I’m A Woman“. Die neue Version reichten Cassius schon letztes Jahr weiter an Annie Mac, Seth Troxler und Butch – weshalb „W18“ wenig später auf den Dancefloors und in den Social-Media-Feeds regelrecht explodieren sollte. Für die beiden Producer war damit klar, dass der House-Einschlag auf Album #5 tonangebend sein sollte; allerdings sollten die Stücke zugleich mehr sein als „bloßes DJ-Futter“. Das Resultat, Dreems, ist dermaßen eingängig und verfügt über so viele große Melodien, dass es zwar perfekt im Clubkontext funktionieren dürfte – aber eben auch im Auto oder im Wohnzimmer. Es ist vielschichtig und facettenreich, dabei aber gewiss kein loses Sammelsurium. Die Kohärenz speist sich aus der DJ-Setlist-Herangehensweise genauso wie aus den konsequent bedachten Einflüssen und der Verwendung eines Korg-Synthesizers, den sich Cassius erst kürzlich zugelegt haben. Heranreifen sollte das Album in vielen langen Sessions im Motorbass-Studio, wo sie den Großteil der Arbeit erledigten: Der perfekte Ort, der den neuen Aufnahmen eine gewisse Wärme, ein organisches Feeling gibt.

Während die spontane Energie des neuen Albums ganz klar an den Schwung ihres Debütalbums anknüpft, zeigen die vielen Gastbeiträge, dass Cassius sehr freizügig mit den eigenen Ideen umgehen und immer eine offene Tür haben für Freunde und Bekannte. Da wären jene, die eine Brücke zum Vorgängeralbum Ibifornia schlagen, z.B. Portugal. The Man, verantwortlich für den Gesang von „Nothing About You“, oder auch ihr guter Freund und Beastie Boy Mike D, der auf dem schäumenden „Cause Oui!“ richtig abgeht. (Apropos 15 again: „Mike kam bei uns im Studio vorbei, binnen 15 Minuten war die Aufnahme fertig – und er ging echt ab wie ein 15-Jähriger.“) Und dann gibt es noch einen Gast, der gleich drei Titel des neuen Albums eingesungen hat: Die Französin Owlle. Ihre gefühlvolle und dabei doch gewaltige Stimme macht „Don’t Let Me Be“ zu einem absoluten Ausnahmestück – so ein typisches Cassius-Kuriosum, wie damals „Toop Toop“. „Dreams“ hat so viel Pop-Appeal, dass man seine Hände direkt in die Luft schleudern will, und dann wäre da noch der grandiose Schlusspunkt „Walking In The Sunshine“, wo Zdar und Boom Bass erstmals ihr Können in Sachen elektronischem Slow Dance präsentieren.

Letztlich beschreibt folgende Zeile – ihr Schlachtruf und Motto, wobei genau genommen eher ihr Liebeschrei – immer noch am besten, was die 12 Songs von Dreems immer wieder untermauern: „Cassius, rockin’ nonstop since 1999“.