Anthony Joseph „People of the Sun“

Trinidad. 4.768 Quadratkilometer groß, umspült von türkisfarbenen Wassermassen. Ein Puzzleteil der Karibik, jener kleinteiligen Konstellation von Inseln, zwischen denen im Laufe der Zeit ganz eigene musikalische Stile und Vibes entstanden sind.

Zehn Jahre lang war Anthony Joseph unterwegs: Er hat die ganze Welt bereist, überall Aufnahmen gemacht, seine Musik und seine Gedichte dem Publikum in den verschiedensten Ecken präsentiert. Über Jahre hinweg kehrte er stets nur kurz nach Trinidad zurück, vielleicht für ein paar Wochen, manchmal nur Tage. Doch ganz egal, wo er sich gerade aufhielt: Trinidad war nie wirklich weit weg. Seine Verbindung zu diesem Ort ist zu stark; man kann sie nicht kappen, keine noch so große Distanz schafft das, dafür sind die Wurzeln einfach zu tief. Genau genommen ist diese Verwurzelung in jedem Rhythmus, jedem Arrangement und in jeder Zeile seiner Songs zu spüren.

Nachdem er seine Heimatinsel zuletzt auf dem passend betitelten „Caribbean Roots“-Album mit musikalischen Gästen aus unterschiedlichen Teilen der Karibik besungen hatte, fiel seine Wahl dieses Mal auf Trinidad, als es darum ging, das neue Album „People of the Sun“ aufzunehmen. Sein Plan lautete, jene Energie einzufangen, jenes Element, das die Musik aus diesem Teil der Welt so einzigartig macht. Aktuelle Entwicklungen wollte er dabei genauso einbeziehen wie das Erbe früherer Generationen. So sollte genau die Hommage entstehen, die als Idee schon so lange in ihm geschlummert hatte.

Indem er Soul und Funk, Jazz und diverse lokale Zutaten aus Trinidad zusammenbringt, fesselnde Geschichten über wilden Beat- und Bläserlandschaften erzählt, tritt Anthony Joseph auf dem neuen Album als Bindeglied zwischen verschiedenen Musikergenerationen in Aktion. Er schafft es, jene Musiker, die uralte Traditionen aus der Region weiterleben lassen, mit den Nachfolgern zusammenzubringen, die sehr viel offener für aktuelle, globale Entwicklungen sind. Auf „People of the Sun“ (oder kurz „P.o.S.“, zugleich das Akronym für Josephs Geburtsstadt Port of Spain) wird er unterstützt von Musikern, die z.B. traditionelle Instrumente wie Steel Pan spielen, die Soca-, Orisha- und Rapso-Elemente einbeziehen (letzteres ist wiederum ein Mix aus politischen Texten, Calypso und Soca), und bringt diese Einflüsse mit zeitgenössischem R&B, Soul, Rock und komplexen Beats zusammen. Das Ergebnis ist weder ein nostalgischer Audioschnappschuss in Sepiatönen, noch ein digitales Zerrbild: Es ist die Verschmelzung dieser Strömungen, dieser Traditionen – und ein Sound, der dabei ganz klar nach vorne schaut.

Diverse Gäste wie Len „Boogsie“ Sharpe, Brother Resistance, Modupe Folasade Onilu, Mikhail Salcedo, John John Francis, Ella Andall, 3 Canal sowie Meena, die Tochter von Anthony Joseph, steuern Steel Drums (Steel Pans) und Percussions bei, geben den Songs rhythmischen Nachdruck, reichlich Soul, viel kollektive Lässigkeit, während das Ibis String Ensemble mit seinen Streicherarrangements für die nötige Tiefe sorgt.

Die beteiligten Musiker kamen alle in einem Haus zusammen, das Anthony Joseph kurzerhand in ein Studio verwandelt hatte; irgendwo in dem kleinen Dorf namens Sans Souci, an der entlegenen Nordküste der Insel, das Meer und die Natur als einzige Nachbarn. Eine Woche verbrachten sie dort zusammen, musizierten, aßen und schliefen unter einem Dach. Ein Highlight des Albums ist ein Cover von Carol Addisons Tropical-Soul-Klassiker „Jungle“, nicht zuletzt dank der Melodien und Arrangements von Saxofonist, Produzent und Arrangeur Jason Yarde, der zusammen mit Andrew John (Bass, Komposition) und Schlagzeuger David Bitan den Kern des Projekts darstellte. Die an die Orisha-Tradition angelehnten Gesänge von Ella Andall auf „Milligan, The Ocean“, ein Song, mit dem sich Anthony Joseph vor seinem Vater verneigt, der kurz nach Abschluss der Aufnahmen verstarb, machen dieses Stück zu einem weiteren Höhepunkt von „People of the Sun“.

Wie ein klanglicher roter Faden zieht sich das metallische Steel-Pan-Spiel von Len „Boogsie“ Sharpe und Mikhael Salcedo durch den Longplayer: Durchweg ein zentrales Element, rahmen sie Josephs zum Teil politischen Texte ein, seine gesellschaftlichen Kommentare und persönlichen Anekdoten. Zusammen mit seinen vielen Albumgästen gelingt es Anthony Joseph, mit dem neuen Album seine Vision zu realisieren: „People of the Sun“ ist eine bewegende Hommage an Trinidad & Tobago, an die Musik aus dieser Region, eine Hommage, die dieses karibische Puzzleteil in all seinen Facetten zelebriert. Zugleich vertont das Album den Wahlspruch von Trinidad: „Together we aspire“ – es geht um Community, um gemeinsam abgesteckte Ziele, um die Zukunft. So eindringlich wie hier hat noch keiner dieses Motto vertont.

Info

Artist: Anthony Joseph

Album: People of the Sun

VÖ: 05.10.2018

Label: Heavenly Sweetness

Vertrieb: Broken Silence

Format: CD/ LP/ Digital


Web: www.anthonyjoseph.co.uk 

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