Anna Calvi "Hunter"

Hunter, das dritte Album von Anna Calvi, verkörpert das Gefühl von echtem Loslassen. Für die Art-Rock-Sängerin und Songwriterin war es eine Katharsis und eine Gelegenheit, wahrhaftiger zu sein als je zuvor.

Calvi wird in der britischen Musikindustrie seit ihrem Debüt im Jahr 2011 als gefühlvolle Songwriterin, virtuose Gitarristin und fesselnde Interpretin verehrt. Sowohl ihr selbstbetiteltes Debütalbum als auch der Nachfolger One Breath 2013 wurden für den Mercury Music Prize nominiert, wobei ihr Debüt auch eine britische Nominierung für den Titel "Best Breakthrough Artist" erhielt. Sie hat mit Brian Eno, Marianne Faithful und David Byrne auf der EP Strange Weather 2014 zusammengearbeitet. Im Jahr 2017 komponierte sie die Musik für The Sandman, eine Oper unter der Regie von Robert Wilson.

Hunter wurde während eines Wendepunktes in Calvis Leben geschrieben; ihre 8-jährige Beziehung war beendet und sie war nach Straßburg gezogen, um ein neues Leben mit einer Französin zu beginnen. "Ich zog nach Frankreich und kannte niemanden außer meiner Partnerin. Das machte es möglich, mir wirklich neu vorzustellen, wer ich war und meine Identität in Frage zu stellen. Meine Freundin ermutigte mich, mich auf eine Weise zu erforschen, wie ich es noch nie zuvor getan hatte - ich erforschte meine Lust und meine Wahrnehmung für mein Geschlecht, was ich beides schon lange unterdrückt hatte. Durch den Prozess, diese Platte zu machen und diese Songs zu schreiben, fragte ich mich, ob ich mich als "Frau" mit all den Einschränkungen, die dieses Label mit sich bringt, identifizieren wollte. Aber als Mann identifiziere ich mich eben auch nicht. Neben meiner eigenen, sehr intimen Reise, auf der ich meine Wahrnehmung von Geschlecht erkundete, inspirierte mich aber auch der gesellschaftliche Diskurs zum Thema. Ich wollte ein Album schreiben, in dem die Frau als Jägerin gesehen wird, statt ihrer üblichen stereotypen Rolle in unserer Kultur als Gejagte."

Das Gefühl, die Augen zu schließen und etwas Wildes und Leidenschaftliches loszulassen, treibt Hunter an. Mit urwüchsiger Perkussion, entfesselten Gitarren und eindringlichen Texten ist es ein tiefgehendes Album, auf dem Calvi die Grenzen, die ihr Gitarre und Stimme auferlegen, weit hinter sich lässt. „Ich mochte immer die Idee eines Wechselspiels zwischen meiner Stimme und der Gitarre, und ich wollte sie weiterführen, um wirklich ein Gefühl von Freiheit auszudrücken." In der Musikpresse gilt sie seit langem als versierte Gitarristin, doch auf Hunter lässt sie das Instrument los und färbt die Bereiche jenseits ihrer elektrisierenden Soli.

Diese neue Rohheit kommt zum Teil von Calvis Arbeit mit dem angesehenen Produzenten Nick Launay auf der Platte. "Wir würden die ganze Nacht aufbleiben, wenn wir an etwas Gutem dran wären." Es war die kreativste Erfahrung, die ich je mit einem Produzenten gemacht habe. Anna und ihre Band wurden in den Konk-Studios von Portisheads Adrian Utley am Keyboard und The Bad Seeds' Martyn Casey am Bass begleitet. 

All diese neue Inspiration scheint durch die aufgeladene Energie der Lead-Single "Don't Beat the Girl out of my Boy" durch. Calvi erklärt: "Es ist ein Lied über die Missachtung des Glücks. Es geht darum, sich frei zu identifizieren, wie man will, ohne gesellschaftliche Einschränkungen."

Der Song "Alpha" zeigt, wie sie das voller Elan macht. "Ich frage mich, warum Stärke als eine männliche Eigenschaft angesehen wird." Ich mag die Idee des Alpha-Menschen, der gleichzeitig von Tapferkeit und Unsicherheit erfüllt ist. Ich wollte, dass sich diese Platte ursprünglich und mitreißend anfühlt", sagt Calvi.

Die wahre Stärke von Hunter liegt in seinen Gegensätzen: zwischen Extremen wie Macht und Verletzlichkeit, Schönheit und Rohheit. Bei einigen Liedern sieht Calvi eher eine utopische Alternative als eine Rebellion gegen die Dinge. Mit der geisterhaften Abschlussballade "Eden" beispielsweise stellt sie sich die schwierigen Teenager-Momente eines queeren Menschen als Idylle vor. Mit ihrem aufsteigenden engelsgleichen Gesang  und der schillernden Melodie stellt sie einen verstohlenen Moment mit einem neuen Liebhaber als süße, verletzliche, reine Erfahrung dar.

Auch bei "Swimming Pool" schimmern die Gitarren wie die Wasseroberfläche in David Hockneys Gemälden, die die Inspiration für den Song lieferten. Als Hockney sie malte, war es in den 1960er Jahren in L.A. noch eine Schande, in der Öffentlichkeit schwul zu sein; aber in der sommerlichen Welt seiner Bilder war Queerness pure Freude und Ruhe. "Das ist wichtig für mich", reflektiert Calvi. "Die Herausforderung, die Lust schamlos zu erleben; das finde ich wirklich mächtig." Auf dem Titelstück "Hunter" zelebriert sie auch die transzendenten Aspekte der Lust und der Suche nach einer Gemeinschaft und Heimat in queeren Räumen. Calvis eigener sicherer Raum ist die Bühne: "Die Bühne ist der Ort, der es mir erlaubt die Person zu sein, die ich in meinem Alltag nicht sein kann", reflektiert sie. "Auf der Bühne will ich testen, wie weit ich die Extreme von Stärke und Verletzlichkeit treiben kann."

Für Calvi war es wichtig, dass Hunter ebenso verletzlich wie stark ist; so elegant wie brutal; und ebenso viel über den Gejagten wie über den Jäger erzählt. Dabei achtete sie immer darauf, keine dieser Eigenschaften als "männlich" oder "weiblich" zu bezeichnen, kann doch ein Mensch, egal welchen Geschlechts, immer auch beides verkörpern.

Die Kraft liegt in dem Kontrast selbst; die Art, wie Calvi zwischen beiden Extremen oszilliert, klingt freier als je zuvor. Sie wollte sich selbst ausdrücken, wollte „frei sein von allem, was jedem Geschlecht zugeschrieben wird, frei von der Sorge, wie andere mich dafür bewerten, was ich mit meinem Körper und mir tue. Für mich ist das eine ziemliche utopische Vision“.

Info

Artist: Anna Calvi

Album: Hunter

VÖ: 31.08.2018

Label: Domino

Vertrieb: GoodToGo


Web: annacalvi.com


Live-Termine: 

12.06.2018 Berlin, Berghain 
09.11.2018 Leipzig, Conne Island
10.11.2018 Weissenhäuser Strand, Rolling Stone Weekender
15.11.2018 Wien, Simm City
16.11.2018 Europapark Rust, Rolling Stone Park
16.01.2019 München, Freiheiz
18.01.2019 Berlin, Astra Kulturhaus
19.01.2019 Hamburg, Kampnagel
22.01.2019 Köln, Gloria Theatre

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