Âme “Dream House”

Diese Musik wiederholt sich und wiederholt sich und schreitet doch unbeirrbar voran; sie kreist in der Schönheit elementarer Motive und motorischer Beats und öffnet sich in diesem Kreisen für die Vergangenheit und für die Zukunft; sie schenkt uns erhabene Momente eines endlosen Jetzt und Zustände funkelnder Vieldeutigkeit; und wenn man will, kann man zu ihr auch sehr gut tanzen. 
„Dream House“ ist das Debütalbum des Berliner Duos Âme: Seit fast zwanzig Jahren gehören Frank Wiedemann und Kristian Beyer zu den wandlungsreichsten und verlässlich tollsten DJs und Produzenten, die es in der deutschen Klubmusik gibt. Sie haben unvergängliche Klassiker des Techno und House erschaffen; doch war ihre Musik für das reine Präsens der Dancefloors schon immer vom geschichtlichen Wissen durchwirkt, von den Spuren der Minimal Music und des Krautrock. Auf „Dream House“ führen sie diese Traditionen nun mit den Produktionsweisen und Klängen der Gegenwart fort; vielleicht könnte man sagen: Es ist ein Krautrockalbum aus dem Geist von Techno und House; oder: ein Techno- und House-Album, das die Erinnerung an die Wurzeln dieser Musik in hörbarer Form zur Erscheinung bringt. 
„Dream House“ ist tatsächlich das erste Album, das Âme in ihrer langen Karriere produziert haben. Es gibt viele Singles von ihnen und ein Live-Album, aber um gemeinsam das Gefühl dafür zu entwickeln, dass sie nun reif für ein echtes Langspielwerk seien, habe es viele Jahre gedauert, sagen Beyer und Wiedemann. Für sie selbst ist „Dream House“ auch das Dokument einer neuen Zusammenarbeit. Konstruktiver Konflikt hat das Wirken dieser sehr verschiedenen Charaktere schon immer geprägt. Beyer findet seine musikalische Bestimmung seit je hinter dem DJ-Pult, Wiedemann wirkt vor allem als Produzent und als live spielender Künstler; vielleicht mussten sie sich erst weit voneinander entfernen und streiten, um auf diese erregende Weise nun wieder zusammenkommen zu können. 
Der deutsche Krautrock der Siebzigerjahre hat seit je zu ihren gemeinsamen Leidenschaften gehört. Auf „Dream House“ verwandeln sie sich diese Tradition nun für die Gegenwart an. Nicht, indem sie deren Klang, Rhythmen und Produktionsweisen originalgetreu zu reproduzieren versuchen – auch wenn sie Geräte jener Zeit nutzen. Viel wichtiger, sagen sie, sei es ihnen jedoch gewesen, den Geist dieser Musik zu wahren und zu modernisieren: Krautrock als Methode, Gefühl und Idee. Und: Krautrock als Spiegel einer Epoche, in der es darum ging, alles, was man vielleicht schon wusste und konnte, zu überwinden und konsequent zu verlernen, um wieder ganz von vorne anzufangen und eine neue, andere Art der Virtuosität zu entwickeln; eine Virtuosität im Experimentieren und im Improvisieren, im Laufenlassen der musikalischen Ideen und Ströme. 
Alles läuft hier, alles strömt, alles ist neu, alles ist unsicher und in dieser Unsicherheit umso schöner: Diesen Willen zum ästhetischen Neuanfang durch Aneignung der Tradition spürt man auch in der sorgsamen Auswahl der Gäste. Hans-Joachim Roedelius ist etwa dabei, der mit seinen Bands Harmonia und Cluster zu den Pionieren der elektronischen Musik in Deutschland zählt; man hört versierte Grenzgänger*innen zwischen Klubmusik und Konzeptkunst wie Matthew Herbert und Gudrun Gut; aber auch junge Avantgardist*innen wie den Jazz- und Elektronik- geschulten Songwriter Jens Kuross oder die Sängerin Planningtorock, die ihren Gesang so filtert und moduliert, dass er sich keiner geschlechtlichen Identität mehr zuordnen lässt – eine fluide Stimme in einem Song („Blind Eye“), der melodisch so eingängig erscheint wie nichts anderes, was Âme bisher produziert haben, und der doch vor allem aus seinen inneren Rissen heraus leuchtet, aus einer fundamentalen Ambivalenz. „Dream House“ ist ein Album der Ambivalenz, der Überlagerung unterschiedlichster Arten der Musik und des Wissens; ein Werk von zwei Musikern, die auch nach fast zwanzig Jahren immer noch staunend und neugierig sind; und vor allem aber: ist dies eine Musik, die bei aller Virtuosität und aller Klugheit ganz leicht und einfach erscheint und einem schon nach dem ersten Hören nicht mehr aus dem Ohr gehen will: „Dream House“ ist ein Trip der unbeschwerten Erkenntnis für unsere Köpfe und Körper. 

Info

Artist: Âme 

Album: Dream House

VÖ: 01.06.2018

Label: Innervisions

Vertrieb: Muting The Noise/ Word & Sound/ Roughtrade

Vinyl | CD | Digital | Stream - https://www.lnk.to/DreamHouse  

www.innervisions.com 

Downloads